Lieber Max,
heute würdest Du Deinen 100. Geburtstag feiern! Wir werden das Fest stellvertretend für Dich und sicherlich in Deinem Sinne feiern und Dich hochleben lassen. Zu einem runden Geburtstag werden meist weise Worte gesprochen, Anekdoten aus dem Leben hervorgekramt, besondere Leistungen herausgestellt und auch die Portion Glück, die zum Leben dazu gehört, mit eingestreut. Wir wollen es auch so machen und ein bisschen Rückschau halten.
Max, Du hast Dich selbst einmal als „Gastarbeiter deutscher Sprache“ bezeichnet, weil Du als Arbeitsmigrant aus der Oberpfalz ins Ruhrgebiet gekommen bist. Dass Du mal in der Grube einer Ruhrgebietszeche Deinen Lebensunterhalt verdienen würdest, war Dir nicht in die Wiege gelegt. Du hattest eine kaufmännische Ausbildung in der Porzellanindustrie absolviert und hättest dort wahrscheinlich „Aufstiegschancen“ (so heißt auch ein Fernsehfilm nach Deinem Drehbuch) gehabt. Die Zeiten nach dem 2. Weltkrieg ließen das nicht mehr zu und Du wagtest den Neuanfang. Deine ersten Eindrücke vom kriegszerstörten Ruhrgebiet waren erschütternd und Du wolltest so schnell wie möglich wieder weg („höchstens ein oder zwei Jahre“) – doch Du bist geblieben. 54 Jahre hast Du im Ruhrgebiet gelebt, zuerst in Heeren-Werve, dann in Dortmund – die Stadt Deiner ambivalenten Liebe („von den hässlichen Städten ist Dortmund die schönste“). Deine erste Heimat, Franken und die Oberpfalz, hatte immer Raum in Deinem Denken und Handeln: Du fuhrst oft nach Mitterteich und Deine Termine trugst Du auch in den 1960er Jahren noch in den „Heimatkalender für Fichtelgebirge und Frankenwald“ ein.
Lesen und Schreiben waren Deine Leidenschaften und in den 1950er Jahren wurdest Du zum „schreibenden Arbeiter“ – ein Begriff, den Du später als „Quatsch mit Soße“ bezeichnet hast. Anfang der 1960er Jahre standest Du vor der Entscheidung, Arbeiter zu bleiben und nebenbei etwas zu schreiben oder freiberuflicher Autor und Schriftsteller zu werden. Spätestens mit Deinem zweiten Roman Irrlicht und Feuer war die Entscheidung gefallen, wobei die Zeche und ein Bergbauzulieferbetrieb durch Kündigung und Gerichtsprozess dabei tatkräftig mit-„geholfen“ haben. Du hast viele Erfahrungen gemacht in dieser Zeit zu Beginn der 1960er Jahre: die Zeche, „Deine“ Gewerkschaft IG Bergbau, die Kollegen; sie standen nicht immer hinter Dir, obwohl Du für sie gesprochen hast. Erfahrungen, die Dich erschreckt, Dich aber auch stark gemacht haben: Du hast gehörig ausgeteilt und wurdest von verschiedenen Seiten in die Enge getrieben – doch Du hast Dich durchgesetzt.
Du hast viele Freunde und Unterstützer gehabt, Max; Menschen, die Dir vertraut haben und die wussten, dass sie sich auf Dich verlassen können. Klaus-Peter Wolf erzählt noch heute gern die Geschichte, wie Du ihn in seinen jungen Jahren mit einem zugesteckten Fünf-Mark-Stück zu einem Mittagessen verholfen hast; Hans Dieter Schwarze hat Dich geliebt und Dir blind vertraut, als er mit Deinen Texte Fernsehfilme und Theaterstücke realisiert hat; die Arbeiterkammer Oberösterreich hat einen Literaturpreis nach Dir benannt, Du warst dort mehr als zwanzig Jahre in der Auswahljury – und hast nicht eine Sitzung ausgelassen!
Eine sehr wichtige Figur in Deinem Leben war der Dortmunder Volksbücherei-Direktor und Arbeiterliteratur-Sammler Fritz Hüser. Hüser verschaffte Dir Veröffentlichungsmöglichkeiten für Deine ersten beiden Romane Männer in zweifacher Nacht und Irrlicht und Feuer. Mit ihm gründetest Du die Dortmunder Gruppe 61, die Literatur der Arbeitswelt in den Fokus nahm und zur Schaffung einer „Neuen Industriedichtung“ beitragen wollte.
Als freier Autor musstest Du Dich zunächst im Literaturbetrieb orientieren: Bisher hattest Du „nur“ geschrieben und Deinen Lohn auf der Zeche verdient, jetzt musstest Du vom Schreiben leben. Du hast schnell gemerkt, dass „laufende Produktion“ notwendig ist, um die großen Projekte wie Romane und Drehbücher mit einer wirtschaftlichen Grundlage zu versehen. Du hast Kurzgeschichten zu Anthologien beigesteuert, Artikel in Zeitungen und Zeitschriften veröffentlicht, Du hast Radiosendungen gemacht und hast Texte für Film und Theater geschrieben.
Max, Du bist oft angeeckt, weil Du „nichts als gegeben hinnehmen“ wolltest. Du wolltest unbequem sein und das ist Dir gelungen. Über viele Jahre zogen sich die Fehden mit den Gewerkschaften, denen Du immer wieder den Spiegel vorgehalten hast, in den sie nicht blicken wollten. Dass die Verfilmung Deines Romans Irrlicht und Feuer unter Deiner aktiven Mitwirkung wenige Jahre nach dem Mauerbau ausgerechnet in der DDR stattfand und die im Film dargestellten Verhältnisse in West-Deutschland von der DDR auch als Propagandamittel eingesetzt wurden, um die Arbeiterfeindlichkeit der Bundesrepublik darzustellen, wurde Dir übelgenommen, denn damit hattest Du Dich, so die konservative Sichtweise, als Unterstützer eines Unrechtsregimes geoutet.
Auch eine gehörige Portion Glück hast Du mit Deinem Schreiben gehabt. Du hast keine Literatur für die Ewigkeit verfasst, Du hast immer für Deine Gegenwart geschrieben. Man kann sagen: Du warst mit Deinem Schreiben zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Man spürt die Zeit in Deinen Erzählungen und Romanen – und man kann sie nur richtig lesen, wenn man sich auf diese Gegenwart einlässt, sonst wirken sie „aus der Zeit gefallen“. Du hast geschafft, was viele versucht haben und nur wenigen gelungen ist: die gesellschaftlichen Verhältnisse Deiner Gegenwart für ein „breites“ Publikum in Worten festzuhalten: Bewältigung der nationalistisch geprägten Geschichte wie in Zwei Briefe an Pospischiel und in Wie war das eigentlich, Konflikte in der Arbeitswelt wie in Irrlicht und Feuer und in Stellenweise Glatteis, Rechtsradikalismus wie in Flächenbrand sind nur einige markante Beispiele dafür.
Dein größter Erfolg war das bis heute gelesene Jugendbuch Vorstadtkrokodile, das so ganz anders war als das, was Du zuvor geschrieben hattest. Eine „Bande“ von Kindern tummelt sich in einem Dortmunder Vorort und erlebt dieses und jenes Abenteuer. Die Besonderheit und, vor allem, Neuheit: Eine Hauptrolle spielt der im Rollstuhl sitzende behindert Junge Kurt – das Buch hattest Du deinem Sohn Frank gewidmet, ebenfalls ein Mensch mit einer Behinderung. In Schulen gelesen, zweimal verfilmt (1977 und 2010), als Hörspiel produziert, von verschiedenen Theatern aufgeführt, übersetzt und Hörbuch gesprochen haben die Vorstadtkrokodile eine unglaubliche Reichweite erfahren – wahrscheinlich mehr, als Du selbst je erwartet hast.
Max, Du warst ein politischer Mensch und hast Dich eingebracht, in Gremien wie beim Verband der Schriftsteller, beim Wahlkampf der SPD für Willy Brandt, auf Demonstrationen und bei Kundgebungen. Du hast stets die Fahne der Demokratie hochgehalten und Dich denen entgegengestellt, die diese Demokratie in Frage stellten oder sie beseitigen wollten.
Am Schluss möchten wir uns bei Dir herzlich bedanken: für Dein schriftstellerisches Wirken, das uns heute noch Lust am Lesen (die Dir so wichtig war) bereitet, für Dein politisches Engagement, ohne das die politische Wirklichkeit heute vielleicht eine andere wäre und für Deine Art, Dinge beim Namen zu nennen, ohne lange drumherum zu reden.