
Wenn man Informationen zu Am Schaltpult zusammensucht, heißt es immer, der Film sei von Max von der Grün – doch so einfach lässt sich die Faktenlage wohl nicht interpretieren. Der einzige Credit, den der Vorspann hergibt – einen Abspann gibt es im Sichtungsmaterial leider nicht –, lautet: „Arbeitsplatzstudie nach Max von der Grün“. Dieses „nach“ weist darauf hin, dass zwar der Text dieses Fernseh-Essays von Max von der Grün stammt, doch die Bildregie dürfte, wie es seinerzeit üblich war, bei einem Mitglied des WDR-Produktionsteams gelegen haben, das den 16 mm-Kurzfilm als ersten Beitrag für die Sendereihe Skizzen aus dem deutschen Alltag gedreht hat. Für eine weitere Klärung der Produktionszusammenhänge wäre noch eine Archivrecherche beim WDR notwendig.
Doch egal wie die filmische Rollenverteilung bei der Produktion tatsächlich ausgesehen haben mag – da der Text auf der Tonspur hier die zentrale Rolle zur Ausrichtung der kleinen Erzählung einnimmt, kann man sicherlich davon sprechen, dass Am Schaltpult ein Werk von Max von der Grün ist.
Er selbst hat den Text 1973 in einer sehr stark veränderten Druckfassung im Rahmen der der bei Luchterhand erschienenen Sammlung Menschen in Deutschland (BRD) unter dem Titel „Schaltwärter“ nochmals veröffentlicht. Da die Erzählhaltung und die Perspektivität dort allerdings völlig anders funktioniert als beim Text für das Fernseh-Essay, soll die Druckfassung hier nicht weiter mit einbezogen werden.
Gedreht wurde diese Skizze aus dem deutschen Alltag spät 1966, um dann als fertiger Beitrag am 29. Januar 1967 im Abendprogramm der ARD ausgestrahlt zu werden.
Und auch wenn der Film nur eine Laufzeit von 14 Minuten hat, haben es diese 14 Minuten in sich. Denn durch die Darstellung und die Gedanken des Manns am Schaltpult landet man inmitten der Probleme und Träume (sowie wiederum deren Kritik) der 1960er Jahre.
Erzählt wird hier aus dem Arbeitsalltag von Josef Damberg, der in einem automatisierten Kraftwerk in der Nähe des Ruhrgebiets neben Kollegen mit ähnlicher Tätigkeit einen Schaltpult-Abschnitt überwacht. Für ihn habe „die Zukunft schon begonnen“, wie es in der Kommentarspur am Anfang des Films heißt – doch auch, dass er „mehr geben muss, als man von ihm verlangt“. Damit gemeint ist das Aushalten der abstrakten Eintönigkeit vor dem Schaltpult, da man ihn letztlich wegen der Automatisierung nicht braucht. Diese Formulierung eines Spagats zwischen neuer, zukunftsweisender Arbeitswelt und menschlicher Verödung setzt das Hauptthema und die Stimmung des Films. Die Kommentarspur enthält dabei eine Mischung aus nüchterner – und doch im Subtext kritischer – Beschreibung der Arbeitsumgebung und des Zustands von Damberg und seinen Kollegen sowie eingeflochtenen Zitaten vom Protagonisten zu seiner Sicht auf Arbeit und Leben. Zu seinem Hauptproblem heißt es: „Er fühlt sich dösig – rammdösig. Er sagt: ‚Heute bin ich wieder völlig bescheuert – meschugge, sagt man hier.‘“ Dieses Meschugge-Werden ist das Ergebnis der Automation, die im Text folgendermaßen aus zwei Perspektiven definiert wird: „‚Weißt du was Automation ist?‘ hat gestern Abend einer gefragt – ‚Automation ist, wenn sie dich totschießen und du lebst noch immer.‘ Der Direktor hat gesagt: ‚Automation ist die Verwirklichung eines Traumes, den alle Arbeiter zu allen Zeiten gehabt haben.‘“ Diese Aussagen werden ohne weitere Debatte nebeneinander stehengelassen. Doch anschließend wird dargestellt, wie Damberg sich zu Hause umso mehr körperlich betätigt – man hört auf der Tonspur seine Kommentare zur Notwendigkeit der Bewegung und sieht seine tapezierenden Hände. Auch werden immer wieder Vergleiche zu seiner früheren Tätigkeit auf der Zeche gezogen, wo es zwar arbeitsmäßig härter zuging, der Mensch als solcher aber noch etwas zählte.
In einem dialektischen Hin und Her geht es so immer wieder um die „blitzsauberen“ Arbeitsbedingungen vor dem Schaltpult und den aus derselben Atmosphäre entstehenden psychischen Problemen von Damberg.
Da die Automatisierung in den 1960er Jahren auch eine Neuerung in der Arbeitswelt der Bundesrepublik darstellte – und auch dazu beitrug, dass die Nachkriegszeit als abgeschlossen angesehen wurde –, ist Am Schaltpult eine frühe kritische (Fernseh-)Auseinandersetzung mit dem Phänomen. Denn die Arbeitgeber und die allgemeine gesellschaftlich-ökonomische Ausrichtung präsentierten die Automatisierung gerne (wie es ja auch auf der Kommentarspur im Film erwähnt wird) als die Verringerung der körperlichen Arbeit und als Möglichkeit für mehr Produktivität. Dieses Versprechen von weniger anstrengender Arbeit und einer (wie auch immer gearteten) besseren Lebensqualität begleitet Rationalisierungs- und Automatisierungsmaßnahmen seit jener Zeit.
In den 1950er und 1960er Jahren wurden diese Entwicklungen zudem durch die kommunikationswissenschaftliche Popularisierung der Informationstheorie begleitet bzw. vorangetrieben. Damit war eine Grundlage geschaffen, um die Maschinenkommunikation unter Umgehung der menschlichen Arbeit als Fortschritt zu markieren – dass die menschlichen Beobachter der automatisierten Anlagen dabei meschugge werden könnten, fiel in der allgemeinen Stimmung der Technikbegeisterung kaum auf. Denn Blicke in eine technische Zukunft waren extrem populär. So ergab sich z.B. nach dem „Sputnik-Schock“ der späten 1950er Jahre durch den „Wettlauf ins All“ im Laufe der 1960er Jahre durchaus eine Weltraum-(Flug-)Begeisterung. Die damit zusammenhängende Ästhetik wurde allenthalben in den Alltag integriert – sei es in Designs, die mit dem Label „Futurismus“ belegt wurden (womit allerdings keine Bezüge zur gleichnamigen Kunstrichtung gemeint waren) oder im von Modeschöpfern ausgerufenen „Astro-Look“. Auch die Gestaltung der Schaltpultanlage im Film gehört letztlich zu dieser futuristischen Vorstellungswelt.
Im bundesdeutschen Film werden solche Strömungen ebenfalls verarbeitet. Ist allerdings z.B. die Darstellung dieser neuen, technisierten Kommunikations- und Arbeitswelt in Impuls unserer Zeit (1959) von Otto Martini als Industriefilm von Siemens noch arbeitgebergebunden oder werden in Kommunikation (1961) von Edgar Reitz jene in einer eher abstrakten filmischen Ästhetik gefasst, die das Tempo und die Entmenschlichung jener Entwicklungen augenscheinlich macht, bindet Am Schaltpult dies alles an ein konkretes Schicksal.
Um dieses Schicksal von Josef Damberg nicht nur auf der Textebene erfahrbar zu machen, hat auch die filmische Gestaltung eine entsprechende Form. Sofort ins Auge sticht die Verwendung vieler Nah- und Großaufnahmen von Damberg, in denen wir sein Gesicht sehen und ihm beim Beobachten des Schaltpults zugucken. Doch diese Großaufnahmen sind oft mit subtilen Überblenden verbunden, die die Beobachtungszeit zu einem undefinierbaren Kontinuum verschmelzen lassen. Außerdem bekommt man dadurch den Eindruck, als produziere der Protagonist in seinem dösigen Zustand laufend Doppelgänger von sich selbst. Das Meschugge-Werden findet somit eine filmische Form.

Ein anderes hauptsächliches Darstellungselement ist die Verwendung vieler Detailaufnahmen vom Schaltpult. Die auf der Kommentarspur angemerkte Unverständlichkeit der abstrakten Arbeitsprozesse hinter der Maschine werden so durch eine fragmentarische Montage von Details deutlich gemacht. Und wir können – genau wie Damberg – aus diesem Gewirr von Details keine Funktionsweise ableiten.

Eine Montage im späteren Filmverlauf um Rohre und Leitungen des automatisierten Kraftwerks haben eine ähnliche Wirkung. Dabei bedient sich der Film hier einer Ästhetik, die durchaus an Traditionen der (Ruhrgebiets-)Industriefotografie erinnert. Doch auch eine Darstellung von Landschaft spielt in dem Film eine Rolle, jedoch nur eine geringere. Dambergs Weg zur Arbeit, der letztlich zu seiner Tristesse gehört, wird in meist bewegungsunscharfen Kamerafahrten durch die Landschaft angezeigt. Außerdem gibt es eine wiederkehrende Außenaufnahme des Kraftwerks, die es wie ein hermetisch abgeriegeltes und selbstfunktionales Herrschaftsgebäude (was es ja letztlich auch ist) inmitten der Landschaft aussehen lässt – nicht wie einen Arbeitsplatz.
Die Ideen der Kamerabeobachtung changieren in diesem Film subtil hin und her. Können die Details der Schaltpulttechnik sowie die Fahrtaufnahmen durch die Landschaft als Subjektiven Dambergs angesehen werden, gibt es etliche Verschachtelungen von Blicken der autonomen Kamera. In sehr naherückenden, teils fast intimen Aufnahmen beobachtet der autonome Kamerablick Damberg nicht nur an seinem Arbeitsplatz, sondern auch unter der Dusche, beim Rasieren, zu Hause am Küchentisch oder während der die Dösigkeit ausgleichenden Tätigkeiten, wie tapezieren oder singen im Männergesangsverein.

Andere, schnell montierte Aufnahmen vom Kraftwerk – Außenaufnahmen von Teilen des Werksgebäudes und die bereits erwähnten Rohre – bleiben von ihrem Beobachtungsstatus her kryptisch. Fast wirkt es wie ein Überblick durch diverse Überwachungskameras, den das Kraftwerk sich selbst verschafft.


Diese Interpretation des eigenen Blicks des Kraftwerks – oder gar des Schaltpults – könnte man auch für die letzte Sequenz des Films anlegen. Hier rollen die Kollegen am Schaltpult in einem infantilen Moment lachend auf ihren Bürostühlen durch den Schaltpult-Raum – und man kann nicht unbedingt erkennen, ob sie dies nur tun, um der Trostlosigkeit des unbewegten Arbeitsalltags zu entkommen (wie es der Kommentar nahelegt) oder ob sie wegen des Zustands des Meschugge-Werdens nun doch komplett wahnsinnig geworden sind.
Man kann hier an die gestörten, verrückten und/oder paranoiden Figuren des dystopischen Science-Fiction-Autors Philip K. Dick denken, die auch oft technisches Gerät bedienen (Dick dürfte allerdings in der BRD Mitte der 1960er Jahre nur wenigen über die populärkulturellen kommerziellen Leihbüchereien und die Heftromankultur bekannt gewesen sein).
Doch neben den dokumentarischen Qualitäten der Filmbilder und des Textes hat der Film durchaus durch seine Gestaltung eine strake dystopische Note – vor allem durch die offensichtlich komplett informierte und überwachende Perspektive der Erzählstimme und die hermetische Raumgestaltung. So kann man die Aussage zu Beginn des Films, dass „die Zukunft schon begonnen“ hätte, in diese Richtung verstehen – eher als Warnung, als Gegenwartsreflexion und kritischem Blick in die Zukunft gleichermaßen. So gelingt es Am Schaltpult etwas zu sein, was sich paradox anhört: eine Gegenwarts-Dystopie.
In einem gesellschaftlichen „Mainstream“ um 1966, zwischen Informationstheorie und Astro-Look, sind Max von der Grün und das WDR-Team mit dem eingebundenen dystopischen Blick letztlich ihrer Zeit voraus.

Und wenn man bedenkt, dass wir aktuell mit der Debatte um die sogenannte „künstliche Intelligenz“ an der Schwelle zu einer Welt stehen, in der nicht nur ein Kraftwerk automatisiert ist, sondern vielmehr komplette Gesellschaften formatiert und automatisiert werden sollen, könnte man das knapp viertelstündige Werk als eine ganz aktuelle Warnung vor der nächsten Stufe des Meschugge-Werdens betrachten.