Vorstadtkrokodile – ein Klassiker der Kinder- und Jugendliteratur

Vorstadtkrokodile1 kann als zeittypischer, problemorientierter Roman der 1970er Jahre charakterisiert werden. Es wird realistisch von den Alltagsproblemen der Heranwachsenden erzählt. Dabei sperrt sich der Roman gegen eine einfache Zuordnung in mehrfacher Hinsicht. Was die Adressat:innengruppe anbelangt, ist er nicht eindeutig Kindern oder Jugendlichen zuzuordnen. Sperrig ist er auch, weil er an die Kindheitsautonomie der 1960er Jahre anknüpft. Zugleich weist er Ansatzpunkte des Erzählens auf, die modern sind und über seine Zeit hinausreichen. Dieses Hin- und Herschwingen zwischen zeittypischen und durchaus über die Zeit hinausragenden Ansätzen möchte ich im Folgenden an einigen Beispielen aufzeigen.

Cover, Bertelsmann, 1977
Cover, cbt, 2006

1. Zeittypisches Erzählen

Zeittypisch für den problemorientierten, sozialkritischen Kinder- beziehungsweise Jugendroman ist das Setting, angesiedelt in einer Vorortsiedlung, genau lokalisierbar in einem nördlichen Vorort Dortmunds im Ruhrgebiet.2 Die Geschichte spielt im Arbeitermilieu mit seinen Alltagsproblemen. Es kommen nicht nur finanzielle Sorgen zur Sprache (Angst vor Arbeitslosigkeit, Mieterhöhung), auch die Luftverschmutzung wird benannt.3 Die Realitätsnähe wird mittels Jugend- und Umgangssprache vermittelt. Die Figuren drücken sich durch die gewohnte Alltagssprache beziehungsweise in ihrem Jargon aus, teils auch mit derben Ausdrücken. Dadurch wirkt die Figurendarstellung besonders realitätsnah.

Das Buch sticht thematisch heraus, weil es nicht nur ein Problemsegment fokussiert. Es werden mehrere zeittypische Probleme behandelt, die zugleich von zeitloser Gültigkeit sind: körperliche Behinderung und die damit verbundenen Alltagsprobleme und Wünsche nach Integration; Anfeindungen von Fremden, Vorurteile und Übergriffe ihnen gegenüber; Gruppenzugehörigkeit und Gruppendynamik, Loyalität, Mutproben; Arbeitslosigkeit, finanzielle Sorgen und Jugendkriminalität; Familiensituationen, Generationenkonflikte und an Silikose erkrankte Bergleute (Invaliden). Im Mittelpunkt steht das Thema Behinderung und die Problematik der Integration.

Es werden zwei Erzählstränge miteinander verwoben. Der eine Strang erzählt von Kurt, seiner Behinderung und seiner Integration in die Bande, der zweite Strang bezieht sich auf die Aufklärung der Ladendiebstähle. Man kann hier von einem Genremix aus Detektivgeschichte und Bandenroman sprechen, der bereits von Erich Kästner in Emil und die Detektive (1929) verwendet wurde. Ganz typisch für die Kinder- und Jugendliteratur der 1970er Jahre ist die Kombination von Aufklärung und Empowerment mit Spannung und Unterhaltung.

Es wird chronologisch erzählt. Wenngleich das Detektivgenre zur Spannungssteigerung den Einsatz von Prolepsen und Analepsen nahelegt, werden diese nicht genutzt. Dies spricht dafür, dass die Aufklärung über behinderte Kinder beziehungsweise Jugendliche im Mittelpunkt der Erzählung steht. Nicht zuletzt weisen die Paratexte, das Vorwort eines Vaters mit behindertem Sohn und die Widmung, auf die didaktische Funktion des Buchs hin. Dass das Buch aufklären will, wird an verschiedenen Stellen deutlich, wie etwa bei den genauen Beschreibungen der Lebensverhältnisse, der Alltagsprobleme oder der Handhabung des Rollstuhls.4 Die Geschichte wird über einen heterodiegetischen Erzähler entfaltet, der auktorial erzählt, also sowohl die Innen- als auch die Außensicht kennt. Über weite Passagen nimmt sich jedoch der Erzähler zurück und tritt hinter den kommunikativen Austausch der Figuren. So werden den Lesenden viele Ereignisse durch die Dialoge der Figuren selbst mitgeteilt. Die Leser:innen können auf diese Weise einen Eindruck von den Figuren gewinnen. Man spricht im Gegensatz zum Erzählmodus des Telling hier von Showing. Nahezu wie im Film werden den Leser:innen die Interaktionen präsentiert. Sollen die Leser:innen die inneren Vorgänge nachvollziehen, ergänzen die Erzählerkommentare die dialogische Darstellung. Ansätze für eine Zurücknahme der Erzählinstanz sind zu erkennen, diese wird aber erst in der neueren Kinder- und Jugendliteratur voll ausgebaut. Zugunsten der didaktischen Funktion ist die Lenkung der Leser:innen hier noch erforderlich.

Die Konfrontation mit dem Daseinsernst wird abgemildert durch Situationskomik und Wortwitz.5 Nachhaltigen Eindruck machen die Pinkelszene und die Situation auf dem Minigolfplatz. Die Integration von Komik in problemorientierte Kinder- und Jugendromane zeichnet das Subgenre des Komischen Kinder- und Familienromans seit der Mitte der 1990er und im Übergang zu den 2000er Jahren aus.6 Ansätze dieser Erzählstrategien sind bereits in Vorstadtkrokodile zu finden.

2. Handlungsräume der Vorstadtkrokodile

Die maßgeblichen Handlungsräume sind das Bandenquartier und die privaten Wohnräume der Krokodiler. Die selbstgebaute Hütte im Wald, der an die Papageiensiedlung grenzt, ist der Rückzugsort der Bande, in der sie unbeobachtet agieren kann.7 Max von der Grün knüpft damit an den Ansatz der Kindheitsautonomie an, nach dem Kinder sich weitgehend unabhängig von den Erwachsenen ihre Frei- und Spielräume erobern, wenngleich auch die Bundesstraße in der Nähe vorbeiführt.8 Anders als in der idyllischen Kindheitsautonomie wird jedoch die Hütte im Wald zerstört. Damit wird den Kindern zunächst nicht nur ihr Spielort, sondern zunächst auch ihre Autonomie genommen. Sozialkritisch wird darauf hingewiesen, dass die Lebensbedingungen in den Vororten der Großstädte keine Spiel- und Aufenthaltsmöglichkeiten für die Kinder bieten.9 Obwohl das alte Ziegeleigelände sich aufgrund seiner Baufälligkeit nicht als kindgerechter Ort ausweist, wird es aber doch von der Bande angeeignet.10

Die Handlung vollzieht sich auch in den privaten Wohnräumen, in denen sich die Krokodiler unter der Obhut und Autorität ihrer Eltern befinden. Hier sind vor allem die Wohnungen von Kurts und Hannes’ Eltern wichtig. Besonders ausführlich wird die Wohnung von Kurt beschrieben. Dies entspricht der didaktischen Funktion des Romans, der authentisch Einblicke in den Alltag eines behinderten Kinds vermitteln und die Leser:innen über den eher fremden Lebensraum eines behinderten Kindes aufklären will. Dazu gehören auch Informationen über Kurts Möglichkeit der Fortbewegung (Robben in der Wohnung; Mutter trägt Kurt huckepack), seine speziellen Hilfsmittel, Möbel und Spielsachen.11 Die Wohnung von Hannes wird hingegen weniger detailliert beschrieben. Hier steht eher das Atmosphärische im Vordergrund. Dass Hannes in einem behüteten Elternhaus aufwächst, wird spürbar an den emotionalen Reaktionen der Eltern auf Hannes’ Mutprobe. Die Mutter macht ihm keine Vorwürfe.12 Dass zumindest zwei Bandenmitglieder in einer geborgenen Atmosphäre aufwachsen, trägt zur Entlastung der kindlichen Leser:innen bei. Die Konfrontation mit der Realität wird so für die Leser:innen zumindest teilweise abgepuffert, weil Familie nicht nur als Konfliktfeld dargestellt wird. Dagegen ist die Thematisierung der Jugendkriminalität wie auch die Andeutung von prekären Lebensbedingungen typisch für die jugendliterarischen Texte jener Zeit.13

3. Das Ensemble der Figuren

Als Protagonisten treten Hannes und Kurt hervor, dazu kommen die Geschwister Maria und Olaf sowie Frank, der Bruder von Egon. Egon und zwei andere Jugendliche sind die Mopedfahrer, die die Einbrüche verüben. Die anderen Bandenmitglieder, Willi, Otto, Rudolf, Theo und Peter, werden als Typen dargestellt. Sie nehmen innerhalb der Handlung wenig Raum ein, es gibt keine Beschreibungen ihrer Innensichten und sie sind lediglichan den Dialogen mit den Hauptfiguren beteiligt, welche die Handlung voranbringen.

Ähnlich typisierend werden auch die Mopedfahrer dargestellt, von denen nur Egon eigene Redeanteile erhält. Man erfährt den Namen eines zweiten, Karli, der dritte bleibt ohne Namen. Egon wird nur als eindimensionale Figur markiert. Sehr zum Entsetzen der Vorstadtkrokodile bezeichnet Egon Kurt als Krüppel und geht ihm gegenüber brutal vor.14 Was negativ anmutet, kann aber zugleich auch positiv gedeutet werden. Denn Egon betrachtet Kurt auf Augenhöhe und geht mit ihm wie mit seinesgleichen um. Die Motive, die zu dem kriminellen Verhalten führen, werden nicht geschildert.

Die bemerkenswerteste Entwicklung innerhalb der Handlung durchläuft Olaf. Er positioniert sich als Anführer zunächst durch seine verbalen Herablassungen gegenüber Hannes und Maria, wofür er von den anderen Krokodilern positive Rückmeldung erhält.15 Nachdem Olaf von seinem Vater geschlagen wurde, übernimmt er einstweilen dessen Vorbehalte gegenüber Ausländern.16 Seine positive Entwicklung zeigt sich aber dann zum einen gegenüber den italienischen Kindern, als er sich bewusst entscheidet, sie von den Anschuldigungen freizusprechen, und auch gegenüber Kurt. Olaf erlaubt Kurt die Zugehörigkeit zur Bande,17 verteidigt Kurt gegenüber den Einbrechern18 und lobt ihn für seine Einfälle.19 Olaf kann als offen konzipierte Figur bezeichnet werden, die sich kontinuierlich zum Positiven weiterentwickelt und somit zugleich den Erziehungsoptimismus der Zeit spiegelt.20

Maria tritt ebenfalls als Figur hervor. Sie wird mit positiven weiblichen Eigenschaften ausgestattet: Sie übernimmt Verantwortung, als sie die Feuerwehr zur Rettung von Hannes ruft,21 tritt den Vorurteilen des gewalttätigen Vaters und der Krokodiler gegenüber den Ausländern entgegen22 und beweist Courage, indem sie am Ende eine vollständige Aussage vor der Polizei ablegt.23 Dass sie aber im Wettbewerb nicht mit den Jungen mithalten kann, bestätigt sich darin, dass ihr die Mutprobe erlassen und ihr lediglich als Schwester des Anführers ein Platz bei den Krokodilern zuteilwird. Klischeehaft wird sie als schnell beleidigt präsentiert, wenn die Jungen sie ärgern. So fährt sie oftmals beleidigt mit ihrem Fahrrad nach Hause, anstatt zu kontern.24 Hier ist Max von der Grün noch ganz den traditionellen Frauen- und Männerbildern seiner Zeit verhaftet, was auch an den Rollenzuweisungen der Eltern erkennbar wird.

Die Mütter zeigen als Erwachsene ähnlich wie Maria ein soziales Verhalten. Besonders Kurts und Hannes’ Mutter zeichnen sich dadurch aus, dass sie als wichtige Vertrauenspersonen den Kindern zur Seite stehen, ein offenes Ohr haben und wenn nötig, Hilfe und Ratschläge anbieten.25 Die Väter sind die Familienoberhäupter, die das Geld nach Hause bringen. Ihre Denk- und Verhaltensmuster sind starr und wenig offen. Stereotype Auffassungen, die Max von der Grün durchaus generationskritisch betrachtet, sind besonders Olafs und Franks Vater eingeschrieben, die ihre Vorurteile an die nächste Generation zum Teil erfolgreich weitergeben. So gibt beispielsweise Olafs Vater vor: „Wenn ich sage, dass es Ausländer sind, dann sind es Ausländer. Basta!“26 oder Frank bestätigt: „[…] mein Vater sagt immer, alle Ausländer sind Spitzbuben.“27

Die italienischen Kinder treten nie in Kommunikation mit den Krokodilern oder mit den erwachsenen Bezugspersonen. Ihr Leben wird nur anhand äußerer Merkmale beschrieben. Sie kommen nicht zur Sprache und es werden auch durch den Erzähler keine Innensichten vermittelt. Sie treten nicht als Individuen, sondern immer als Kollektiv auf, das im Gegensatz zu Kurt keinerlei Integration erlebt. Hier ist der sozialkritische Ansatz des Autors zu erkennen, allerdings ohne einen Hinweis auf Möglichkeiten der Inklusion.

Beim Thema Behinderung ist das anders. Hier wird über die Freundschaft mit Hannes Einblick in das Alltagsleben von Kurt und dessen zahlreiche Barrieren gegeben: zum Beispiel der umständliche Transport zur Spezialschule,28 er kann Hannes nicht besuchen29 oder ohne Hilfe nicht zur Polizeistation kommen.30 Die finanziellen Belastungen der Eltern werden ebenfalls zur Sprache gebracht.31 Kurt wird aber nicht als passive Figur geschildert. Seine Stärken werden erkennbar, er bringt sich selbst zur Sprache und beweist viel Mut.32 So wird Kurt als Subjekt dargestellt, das sich zu helfen weiß, um den man sich nicht nur kümmern muss. Zeittypisch ist aber auch, dass seine Gedanken und Gefühle in Bezug auf seine Behinderung nicht genauer entwickelt werden. Kurts Aufnahme in die Bande könnte als gelungene Inklusion bezeichnet werden. Allerdings ist kritisch zu bedenken, dass Kurt seine körperliche Einschränkung durch kognitive Fähigkeiten ausgleichen muss. Denn nur weil er schlauer und schlagfertiger als die anderen ist, qualifiziert er sich für die Bandenmitgliedschaft.

4. Abschließende Bewertung

Ein Gang durch die Geschichte der Kinder- und Jugendliteratur zeigt, dass Max von der Grüns Vorstadtkrokodile einerseits ein typischer Vertreter des sozialkritischen, problemorientierten Kinder- und Jugendbuchs der 1970er Jahre ist. Ganz typisch auch für Kinder- und Jugendliteratur steht es im Spannungsverhältnis zwischen Erziehung und Belehrung einerseits und Ästhetik andererseits. Es will vor allem über das Thema Behinderung und Integration aufklären.

Vorstadtkrokodile ist an der Grenze zwischen Kinder- und Jugendbuch anzusiedeln; die Geschichte weist narrative Strategien auf, die über ihre Zeit hinausreichen. Es ist die dialogische Figurenentfaltung zu nennen, die passagenweise ohne das kommentierende Eingreifen des Erzählers geschieht, und die Verwendung der Umgangs- und Jugendsprache. 

Dass bei aller Aufklärungsintention die Geschichte spannend und mit Witz erzählt wird, macht Vorstadtkrokodile auch für heutige Leser:innen immer noch attraktiv, wenngleich die Diskurse um Behinderung, Migration und Gender sich offensichtlich eindeutig weiterentwickelt haben. Trotzdem lässt sich dem Buch durchaus Klassikerstatur attestieren. Denn die großen Themen wie Freundschaft, Zusammenhalt, Mut und Zivilcourage haben überdauernden Charakter. Sie sind nach wie vor gültig und können über Generationen hinweg weitergegeben werden. Nicht zuletzt wird die Relevanz auch darin erkennbar, dass der Roman medial mehrfach weiterverwertet wurde. Seine Lektüre des ist noch immer lohnenswert.


  1. Max von der Grün: Vorstadtkrokodile. Eine Geschichte vom Aufpassen. Reinbek bei Hamburg 1997 (Erstausgabe 1976). ↩︎
  2. Ebd., S. 26 u. 36. ↩︎
  3. Ebd., S. 19. ↩︎
  4. Ebd., S. 61 u. 64. ↩︎
  5. Ebd., S. 66 u. 140. ↩︎
  6. Hannelore Daubert: „Moderne Kinderromane“, in: Kinder- und Jugendliteratur der Gegenwart. Ein Handbuch, hg. v. Günter Lange, 3., unveränderte Aufl., Baltmannsweiler 2016, S. 87-105, hier S. 97ff. ↩︎
  7. Von der Grün: Vorstadtkrokodile (wie Anm. 1), S. 10. ↩︎
  8. Ebd., S. 53. ↩︎
  9. Ebd., S. 10. ↩︎
  10. Ebd., S. 53 u. 59. ↩︎
  11. Ebd., S. 30f. u. 76. ↩︎
  12. Ebd., S. 16. ↩︎
  13. Franz-Josef Payrhuber: „Moderne realistische Jugendliteratur“, in: Kinder- und Jugendliteratur der Gegenwart (s. Amn. 6), S. 111. ↩︎
  14. Von der Grün: Vorstadtkrokodile (wie Anm. 1), S. 127. ↩︎
  15. Ebd., S. 25 u. 70. ↩︎
  16. Ebd., S. 38. ↩︎
  17. Ebd., S. 59. ↩︎
  18. Ebd., S. 92. ↩︎
  19. Ebd., S. 141. ↩︎
  20. Carsten Gansel: Moderne Kinder- und Jugendliteratur. Vorschläge für einen kompetenzorientierten Unterricht, Berlin 2010, S. 79. ↩︎
  21. Von der Grün: Vorstadtkrokodile (wie Anm. 1), S. 16. ↩︎
  22. Ebd., S. 38 u. 43. ↩︎
  23. Ebd., S. 107. ↩︎
  24. Ebd., S. 25. ↩︎
  25. Ebd., S. 138. ↩︎
  26. Ebd., S. 38. ↩︎
  27. Ebd., S. 40. ↩︎
  28. Ebd., S. 23. ↩︎
  29. Ebd., S. 29. ↩︎
  30. Ebd., S. 102f. ↩︎
  31. Ebd., S. 31f. ↩︎
  32. Ebd., S. 92. ↩︎

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