Schwarz-Grün. Max von der Grüns Zusammenarbeit mit Hans Dieter Schwarze

„Es war 1967, da klingelte eines Nachts, ich war schon im Bett, das Telefon. Am anderen Ende sprach eine sanfte Stimme: ‚Ich habe da eben ein Drehbuch gelesen, es heißt Feierabend, ich mache den Film.‘ Die Stimme gehörte Hans Dieter Schwarze…“1 

Aus dem nächtlichen Telefongespräch entwickelte sich eine intensive Zusammenarbeit zwischen Max von der Grün und dem Regisseur, Drehbuchautor Schriftsteller und Schauspieler Hans Dieter Schwarze. Dabei entstanden zwei Fernsehfilme, ein Buch und zwei Theaterstücke.

Hans Dieter Schwarze2 (1926-1994) war seit 1946 in seiner Heimatstadt Münster am Theater tätig, zunächst als Schauspieler und Regieassistent. Er wechselte in den 1950er Jahren an verschiedene Theater und verantwortete einige Erstinszenierungen, wie Karl Jarrys‘ König Ubu 1959 an den Kammerspielen in München. Schwarze war Teilnehmer des „Schmallenberger Dichterstreits“ 1956, bei dem um die Existenz und Ausrichtung einer „westfälischen Literatur“ gerungen wurde. Zu Beginn der 1960er Jahre wandte sich Schwarze dem Film zu und führte unter anderem 1961 Regie bei dem Schlagerlustspiel Was macht denn Papa in Italien? 1967 spielte er die Hauptrolle in dem Münster-Klassiker Alle Jahre wieder der Brüder Ulrich und Peter Schamoni und führte Regie bei der Miniserie Madame Bovary3 und bei Der blaue Strohhut4. 1968 übernahm Schwarze die Intendanz5 des Westfälisches Landestheaters (WLT) in Castrop-Rauxel, die er bis 1972 innehatte. Eine seiner dort erfolgreichsten Inszenierungen war Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats von Peter Weiss,6 uraufgeführt am 11. September 1971.

Feierabend ist im Gegensatz zu Irrlicht und Feuer (1966) oder Zwei Briefe an Pospischiel (1970) keine Romanverfilmung, sondern war von vornherein als Fernsehspiel angelegt. Hans Dieter Schwarz schreibt, dass ihm das Manuskript an einem „Bahnübergang in Dingolfing“ übergeben wurde und er sich beim Lesen daran erinnerte, „[…] dass Max von der Grün mir schon vor zwei Jahren erzählte, er habe ein Fernsehmanuskript beendet; es sei auch schon angenommen. Das sagte er in Dortmund. Haus Ende. Beim Treffen italienischer und deutscher Autoren.“7 Doch es fand sich offensichtlich niemand, der den Film realisieren wollte: „…das Drehbuch war mein eigenes, das sechs Regisseure wegen Nichtverfilmbarkeit abgelehnt hatten“8, so Max von der Grün.

Die ZDF-Produktion Feierabend9 wurde im Sommer und Herbst 1967 an verschiedenen Orten in Dortmund gedreht, die Kneipe im Film ist die ehemalige Brechtener Gaststätte „Schützenhof“.10 Hans Dieter Schwarze führte Regie, das Drehbuch hatte Max von der Grün verfasst; die Erstsendung erfolgte am 1. Mai 1968 im Abendprogramm. 

Feierabend erzählt die Geschichte der „Invaliden“, ältere Männer, die nach jahre- bis jahrzehntelanger Arbeit im Steinkohlenbergbau, gesundheitlich mehr oder weniger stark beeinträchtigt, ihren Lebensabend verbringen. An Silikose erkrankte Bergarbeiter, die durch den Steinstaub, der sich in ihren Lungen festgesetzt hatte, große Probleme beim Atmen haben und die in den Bergarbeitersiedlungen zuweilen mit der abwertenden Bezeichnung „Hustemänner“ bedacht werden, spielen in mehreren Werken Max von der Grüns eine Rolle.11

Wolfgang Paul schrieb über den Film im Berliner Tagesspiegel: „Es gelang in Dialog und Optik eine Momentaufnahme […] ohne jene Sentimentalität, an der doch derartige Schilderungen reich sein können. […] ein Fernsehfilm, der ohne Umschweife Mitteilenswertes wiedergibt und durch Dialog und Bild zum Maifeld […] Wesentliches beitrug.“12

Im Bereich des Bergbaus wurde die Thematik des Films als durchaus wichtig angesehen, die filmische Umsetzung stieß jedoch auf Ablehnung: „Der Film vermochte die in knappen Sätzen eingefangene Atmosphäre der Berginvaliden, die in dem Buch durchaus glaubwürdig geschildert war, nicht wiederzugeben.“13

In Dortmund-Brechten, dem damaligen Wohnort Max von der Grüns, lud die Gemeinschaft Brechtener Vereine und Organisationen Brechten-Holthausen nach Ausstrahlung des Films am 20. Mai 1968 zu einer Diskussionsveranstaltung mit Max von der Grün in die Gaststätte „Freie Scholle“ ein. Die mehr als hundert Besucher:innen übten Kritik, weil „der Dialekt nicht richtig getroffen war, der wahre Feierabend bei vielen Bergleuten anders aussehe“ und der Bergmannsberuf insgesamt verunglimpft werde. Ansichten, denen Max von der Grün weitgehend überzeugend entgegentreten konnte: „Man muß heute ins Extreme gehen, um glaubhaft zu wirken, insbesondere wenn man einen düsteren Zustand darstellen will.“14 Insgesamt fielen die Reaktionen in der Presse verhalten bis negativ aus, Bewertungen wie „Langweilige Silikose-Ballade“15 waren keine Seltenheit.

„Feierabend“. Dreh- und Tagebuch eines Fernsehfilms. Paulus Verlag 1968 ©Paulus-Verlag/Karl Reiter

Das Buch „Feierabend“. Dreh- und Tagebuch eines Fernsehfilms, erschienen 1968 im Paulus-Verlag Recklinghausen, besteht zum einen aus dem Textmanuskript von Max von der Grün, das nach Angaben im Buch „weitgehend der Drehbuchvorlage zum gleichnamigen Fernsehspiel des ZDF [entspricht]“16 und einem Fototeil mit sechs ganzseitigen Fotos von Karl Reiter (5) und Helmut Orwat (1) sowie vier weiteren Fotografiken im Textteil. Hinzugefügt sind Hans-Dieter Schwarzes „Tagebuchnotizen während der Dreharbeiten“.


Direkt nach Abschluss der Dreharbeiten zu Feierabend wandte sich Schwarze dem nächsten Film zu: Schichtwechsel.

Feierabend befand sich im Dezember 1967/Januar 1968 noch im Schnitt und in der Abmischung: „Im Januar kann noch eine ruhige Mischung gemacht werden. Inzwischen fahre ich ins Revier, um neue Motive zu suchen. Für das zweite Fernsehspiel von Max von der Grün, Schichtwechsel.“17 Die Produktion von Schichtwechsel übernahm der Hessische Rundfunk, Regie führte wieder Hans Dieter Schwarze, das Drehbuch stammte von Max von der Grün. Die Sendung im Fernsehen erfolgte am 29. September 1968.

Das Konzept und das Drehbuch waren im Jahr 1967 erstellt worden, das Casting für Schichtwechsel fand ebenfalls in diesem Jahr statt. Fred Viebahn schreibt: Hans Dieter Schwarze war „[…] mit seinem Regieassistenten Lisson ausgezogen, eine junge Darstellerin für die entsprechende Hauptrolle in dem von Max von der Grün verfaßten Fernsehfilm Schichtwechsel zu finden. Die beiden entdeckten die perfekte Besetzung in einer Dreiundzwanzigjährigen, die gerade in Kassel ihre erste Spielzeit absolvierte.“18 Das war Angela Winkler.

Hans Dieter Schwarze und Angela Winkler bei den Dreharbeiten zu Schichtwechsel. Foto: Helmut Orwat

Schichtwechsel19 erzählt wie Feierabend eine Story aus dem Bergarbeiter-Milieu, hier die Auflösung vertrauter Strukturen in Anbetracht drohender Zechenschließungen. Max von der Grün hatte dies zuvor bereits mehrfach thematisiert, zum Beispiel 1965 in der Radio-Reportage Am Tresen gehn die Lichter aus. Wenn die Zeche schließt.20

Der Plot wird am Beispiel der Familie Schimanski entwickelt; Vater und Sohn sind Bergmänner auf einer Ruhrgebiets-Zeche, der Sohn kündigt seinen dortigen Arbeitsplatz um in der Autoindustrie zu arbeiten und seine Tochter hat einen Freund, der mit einem Cabrio durch die Gegend fährt.

Es wird dargestellt, wie die drohende Schließung einer Zeche ein gewachsenes soziales Milieu aufbricht und die vorher eine (Schicksals-)Gemeinschaft bildenden Menschen und Gruppen zunehmend ihren individuellen Interessen nachgehen, was zu Konflikten auf verschiedenen Ebenen führt: am Arbeitsplatz, in der Siedlung, in den Familien und auch bei den Einzelnen selbst, die plötzlich Entscheidungen treffen (müssen), wie sie ihr zukünftiges Leben gestalten wollen. Die Hauptrollen spielten Hermann Günther als Vater Karl und Angela Winkler als Tochter Ingrid.

Manfred Grunert kommentierte den Film in der Süddeutschen Zeitung: „Max von der Grün, dem in Hans Dieter Schwarze ein vorzüglicher Regisseur zur Seite stand (vom ersten bis zum letzten Bild wird auf Tempo gespielt, scharfe Schnitte, Gesichter, beängstigend, verzweifelt, vergrübelt, abgehärmt, verflacht, leichtsinnig, trotzig holt die Kamera in die Totale, macht sie unvergeßlich, keine Spur von Pathos dabei, insgesamt: ein großer Anlauf zu einem neuen Realismus), gelingt [es] […], einen Privatfall zum Spiegelbild westdeutscher gesellschaftlicher Verhältnisse zu machen, ihn aus dem sogenannten Schicksal, der privaten Tragödie (Zerfall einer Familie) herauszulösen und ihn als durch die gesellschaftlichen Verhältnisse determiniert zu zeigen. Er entnebelt sozusagen das Bewußtsein, indem er sichtbar macht, wie dünn der Firnis ist, der die Klassenunterschiede verdecken soll, und das geschieht nahezu unauffällig, in Details. […] Drei Sterne also für Schichtwechsel, der aus der Exklusivität herausbricht und formalistische Kunstbetrachtung, Geschmäcklerisches also, gar nicht erst aufkommen läßt.“21 

Nicht ganz so euphorisch urteilt das Deutsche Historische Museum (DHM), das den Film 2022 noch einmal zeigte: „Beobachtet wurde dies von einer ungewöhnlich beweglichen Kamera, welche fast jede Szene in einer einzigen Einstellung und mit vielen Großaufnahmen festhielt. Der über weite Strecken recht hektische Charakter des um Wirklichkeitsnähe bemühten Films wurde verstärkt durch die rasanten Dialoge, mit denen die Figuren weniger miteinander reden als aneinander vorbei und sich ständig anblaffen.“22

Der Film wurde in den vergangenen Jahren vereinzelt in Kinos gezeigt, neben der erwähnten DHM-Aufführung im Zeughauskino auch im April 2018 in der Reihe „Protest, Provokation, Provinz“ vom LWL Medienzentrum für Westfalen. Am 16. Juni 2026 wird der Film im Rahmen der Jubiläumsveranstaltungen zum 100. Geburtstag Max von der Grüns im Kino des Dortmunder U erneut zu sehen sein.


Nach den beiden Fernsehfilmen band Schwarze Max von Grün auch in seine Arbeit beim Westfälischen Landestheater ein, dessen Intendanz er mittlerweile übernommen hatte. „Ich ließ mich überreden ein Stück zu schreiben, wer kann Schwarze schon etwas ablehnen, wenn er einem voller Unschuld zuhört, mit seinen kein Wässerchen trübenden Augen ansieht, ernst zu jedem Wort nickt, das man sagt, allmählich dann selber glaubt, daß man ein großer Autor ist […]. Er sagte mir damals: Schreib ein Stück. Ich erwiderte: Ich kann das nicht. Er sagte: Du kannst das. Ich fragte: Was soll ich schreiben. Er sagte: Ich weiß es nicht, aber ich weiß jetzt schon ganz genau, wie ich es machen werde. Ja, das ist Schwarze.“23 

In dem Radio-Essay Ein Tag wie jeder andere sagt Max von der Grün: „Auf dem Schreibtisch drängt die Arbeit; ein fertiges Bühnenstück, das nicht fertig werden will. Der Intendant drängt. Eine schreckliche Arbeit, die keinen Beginn und kein Ende hat, denn im Text ist so viel, mit dem ich selbst noch nicht fertig geworden bin. Zweifel, Angst, Unsicherheit. Ein Abenteuer. Wie wird es enden?“24 

Das Manuskript Max von der Grüns änderte Hans Dieter Schwarze mehrfach ab: „Manchmal schrie er: Aufhören! Wo ist der Autor. Max komm her. Was du da geschrieben hast, ist Mist. Hau ab, geh nach Hause, laß dir was einfallen. Er hetzte mich an den Schreibtisch zurück, und meist hatte er tatsächlich recht.“25

Max von der Grün stellte für das Stück einen Teil seines politischen Engagements in den Mittelpunkt: Er gehörte seit Mitte der 1960er-Jahre dem Komitee Notstand der Demokratie an, das sich gegen die von der Bundesregierung geplante Einführung so genannter Notstandsgesetze wandte.

Am 30. Mai 1968 verabschiedete der Bundestag das 17. Gesetz zur Ergänzung des Grundgesetzes. Dadurch wurde es möglich, im Falle von Krisensituationen, Aufstand oder Krieg zahlreiche Grundrechte einzuschränken oder außer Kraft zu setzen. Es gab erbitterte politische Auseinandersetzungen, bei denen sich vor allem die Gewerkschaften und die Studierenden im öffentlichen Raum gegen die Notstandsgesetze positionierten, die wegen der Mehrheitsverhältnisse mit parlamentarischen Mitteln nicht zu verhindern waren. Befürchtet wurden vor allem eine Rückkehr der Notverordnungen, die der Demokratie der Weimarer Republik ein vorzeitiges Ende bereitet hatten, sowie eine Machtkonzentration auf Seiten der Exekutive und damit einhergehend ein Verlust parlamentarischer Kontrolle.

Die außerparlamentarischen Protestformen der Studierenden aufgreifend erhielt das Theaterstück den Titel Notstand oder das Straßentheater kommt.26 Es wurde am 8. Januar 1969 im Ruhrfestspielhaus in Recklinghausen uraufgeführt. Das Ensemble des WLT inszenierte das Stück unter Mitwirkung des Intendanten Hans Dieter Schwarze.

Dargestellt wird der Widerstand gegen die Notstandsgesetze von den Arbeitenden einerseits und den „Intellektuellen“ andererseits, die beide von den Notstandsgesetzen betroffen sind. Der Versuch, als politische Kraft gemeinsam zu agieren, scheitert allerdings, weil sowohl die Ansprüche an das gesellschaftliche Miteinander als auch die Kommunikationsformen zu stark voneinander abweichen.

Hans Dieter Schwarze benutzte Formen des außerparlamentarischen Widerstands wie sie bei den in studentischen Kreisen verbreiteten Happenings eingesetzt wurden, oder wie Heinz Georg Max es beschreibt: Konzipiert war das Stück als eine „auf schnelle Wirkung abzielende, epigonale Klamauk-Revue“27

Notstand wurde vom WLT in verschiedenen Städten aufgeführt. Es blieb das einzige Theatermanuskript Max von der Grüns, das ausschließlich aus seiner Feder und ohne Beteiligung anderer entstanden ist.

Die Gewerkschaften kritisierten das Stück umgehend: „Wieder schrien die Gewerkschaften auf, diesmal gegen den Aufführungsort [das Haus der überwiegend vom DGB veranstalteten Ruhrfestspiele], der von einem Schriftsteller genutzt werden sollte, der sich im öffentlichen Raum so mit ihnen zerstritten hatte! In der der Uraufführung folgenden Diskussion kam es zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen von der Grün und Vertretern der Gewerkschaft.“28

Notstand oder das Straßentheater kommt, Szenenfoto

Auch den Zuschauenden wurde eine gehörige Portion Toleranz abverlangt, so riefen die Schauspielenden ins Publikum: „Der herkömmliche Theaterbesucher ist ein Arschloch.“29 Der Spiegel stellte unter dem Titel „Kumpel aus Gips“ Bezüge zur Biografie Max von der Grüns her: „Die Arbeiter-Nöte hatte der aus Bayreuth stammende ‚Revue‘-Autor von der Grün als Kumpel im Ruhr-Revier kennengelernt. Um nun auch die Studenten-Bewegung kennenzulernen, reiste er im letzten Sommer nach Berlin und agitierte mit SDS-Freunden auf dem Straßentheater für die Revolution. Enttäuscht vom Publikum („Es kamen nur Leute, die man sowieso schon kannte“) und vom feierlichen Ernst der SDS-Genossen („Zu humorlos, um ihr eigenes Dogma in Frage zu stellen“), übt von der Grün im ‚Notstands‘-Drama nun auch Kritik an der Taktik der Studenten.“30

Mit einer Anekdote endet der Spiegel-Beitrag: „Sein [Hans-Dieter Schwarzes] Regie-Einfall, den Autor gleichsam als Arbeiter-Denkmal am Bühnenrand zu postieren, scheiterte dagegen an Grüns Protest („Wenn ich besoffen bin, muß ich zu oft pinkeln gehen“). So ersetzte ihn Schwarze durch einen Kumpel aus Gips.“31


Das Manuskript für das Bühnenstück Der Radweltmeister oder die Kunst, im richtigen Augenblick zuzutreten war von einem „Autorenkollektiv“ erarbeitet worden, dem u.a. Max von der Grün angehörte.32 Die Uraufführung durch das WLT erfolgte am 30. April 1971 in Velbert, die Regie führte Manfred Lisson, der Mitte der 1960er Jahre als Regisseur der Musikkomödie Mein lieber Schwan (u. a. mit Dieter Hildebrand und Abi Ofarim) bekannt geworden war. Verantwortlich für die Musik war Heinrich Huber, der später (1977-2010) als Musikalischer Leiter am Dortmunder Schauspielhaus fungierte und dessen gemeinsam mit Jürgen Uter konzipierte Ruhrgebiets-Schlager-Revue Liebesperlen über 700 Aufführungen erlebte.

Die Story des (verhinderten) Radweltmeisters ist schnell erzählt: Der junge Arbeiter Peter Fleymann wird bei einem Vorort-Radrennen entdeckt und landet als Profi im Rennstall eines Industrieunternehmens. Er wird dort zum Idol der Massen aufgebaut, in dessen Glanz sich auch diverse Politiker sonnen. Peter wird dort verheizt, verliert seine Freunde und letztlich auch das entscheidende Rennen um die Teilnahme an der Weltmeisterschaft. Er erlebt wieder, was er bereits an seinem Arbeitsplatz als Industriearbeiter erfahren hat: Entfremdung, Unterdrückung, Ausbeutung. Der Traum vom Radweltmeister ist schnell ausgeträumt.

Der Radweltmeister, Szenenfoto

Der wortgewandte Hans Dieter Schwarze hatte einige Mühe, sich der Kritik am kargen Inhalt des Stücks zu erwehren. Er betonte dabei: „Der Radweltmeister ist keine literarische Uraufführung, sondern eine theatralische; es ist der Versuch, eine Geschichte von nebenan mit den Mitteln einer kleinen reisenden Theatertruppe zu schildern – in der Hoffnung, daß ein richtiger Autor ein richtiges Stück vom Sport schreibt.“33

Besser als der Inhalt kam die Inszenierung des Stücks an: „Das WLT hat das Ganze in Licht- und Bewegungseffekte gekleidet, die mit Musik wie eine Revue daherkommen. In der Inszenierung von Manfred Lisson gibt es spürbare Spielfreude zu bewundern […]. Eingeschobene Kommentare der Schauspieler zu ihren Rollen und die Praxis, alle gesungenen Texte im Playbackverfahren in den Saal tönen zu lassen, korrespondieren formal zum Thema Entfremdung, das zudem durch den Wechsel zwischen Real- und Showszenen eingefangen wird. Die Mischung aus Ambitioniertem und Krudem in diesem Radweltmeister zu attackieren, wäre unfair: denn hier wird nicht ein auf dem Papier entworfener Idealzustand unserer Gesellschaft auf die Bühne projiziert, sondern die Bühne spiegelt durch die Divergenz der benutzten theatralischen Momente die Widersprüche unserer jetzigen Gesellschaft: diese Kunst des Zutretens ist ein Beitrag zum Thema Volksstück heute.“34

Das Bühnenstück Der Radweltmeister wurde 1972 zu einem Fernseh-Musikfilm umgearbeitet, die Regie dabei führte ebenfalls Hans-Dieter Schwarze. Der Spiegel kündigte die Sendung am 20. August 1972 im ZDF an: „Vorlage für das TV-Spiel [ist das] gleichnamige Bühnenstück (1971), dem Kritiker eine ‚bis zur Primitivität anspruchslose Sprache‘35 bescheinigt hatten.“36 Der Film war recht prominent besetzt: Roland Astor, in den 1970er-Jahren ein erfolgreicher Musical-Darsteller, z. B. als Claude in Hair 1971 als Radfahrer Peter, Rosl Mayr, bekannte Seriendarstellerin u. a. in Der Kommissar und Der Alte als Peters Großmutter und Hermann Günther, männliche Hauptrolle in Schichtwechsel, sonst u. a. TatortSOKO München, als Peters Vater.

Wahrscheinlich hat Max von der Grün an der Erstellung der Fernsehfassung nicht mehr mitgearbeitet, wegen seiner Mit-Urheberschaft am Bühnenstück wird sein Name von manchen Quellen37 auch in Zusammenhang mit dem Fernseh-Musikfilm genannt. Der Nachlass Max von der Grüns im Fritz-Hüser-Institut für Literatur und Kultur der Arbeitswelt enthält jedoch keine entsprechenden Unterlagen.


Die gemeinsamen Arbeiten von Max von der Grün und Hans Dieter Schwarze hatte 1967 mit Schwarzes Bewerbung um die Intendanz des WLT in Castrop-Rauxel begonnen und sie endete mit der vorzeitigen Auflösung seines Vertrags 1972. Schwarze hatte sich über eine relativ lange Zeit fest an ein Theater gebunden; er hatte aus der „Provinzbühne“ ein „Volkstheater im Revier“ entwickelt, neue Spielformen etabliert und namhafte Schauspielerinnen und Schauspieler nach Castrop-Rauxel geholt. Doch trotz vieler „Nebenprojekte“ fühlte er sich in seiner Freiheit eingeschränkt. 1973 verlegte er seinen Wohnsitz von Castrop-Rauxel nach Anterskofen bei Dingolfing in Bayern, wo er als freiberuflicher Autor lebte, verschiedene Rollen als Schauspieler übernahm und bei zahlreichen Radiosendungen mitwirkte.

Die räumliche Nähe von Castrop-Rauxel und Dortmund hatte ebenso wie Schwarzes „Ruhrgebiets-Orientierung“ während seiner Intendanz beim WLT zur Zusammenarbeit von Schwarze und von der Grün beigetragen. Mit Schwarzes räumlicher und beruflicher Neuorientierung ab 1972 entfiel eine Basis für gemeinsame Projekte. Kontakte zwischen beiden Männern gab es auch in den Folgejahren: Hinweise auf Briefwechsel finden sich im Nachlass Max von der Grüns im Fritz-Hüser-Institut, bei den 1. Weidener Literaturtagen im Mai 1985 sind beide als Teilnehmer aufgeführt.38

Aus der Perspektive Max von der Grüns lässt sich die Zusammenarbeit mit Hans Dieter Schwarze in zwei Episoden unterteilen. Die beiden ersten Produkte der gemeinsamen Arbeit, die Fernsehfilme Feierabend und Schichtwechsel, erzählen problemorientiert und mit dokumentarischem Charakter Geschichten aus der von der Grün’schen Arbeitswelt: Zechensterben, Silikose-Erkrankungen und deren Auswirkungen auf die Menschen. Bei Notstand und Der Radweltmeister folgte Max von der Grün Hans-Dieter Schwarze, der inzwischen viel mit alternativen Erarbeitungs- und Darstellungsformen experimentierte, in die Welt des modernen (politischen) Theaters. Die Umsetzung dieser und auch anderer Stücke während der Intendanz Schwarzes orientierten sich an Inszenierungen Bertolt Brechts und nahmen auch Formen der 68er-Bewegung wie kollektive Theaterarbeit, Politisierung des Theaters und den Hang zur grotesken Übertreibung mit auf.

Die Experimentierfreudigkeit und, wie Max von der Grün es formulierte, die „Besessenheit“ Hans Dieter Schwarzes hatten ihn eine Zeitlang mitgerissen, aber er musste feststellen, dass „seine Themen“ besonders bei den Theaterstücken in den Hintergrund gerieten. 1977 schrieb er noch ein weiteres Drehbuch für einen Fernsehfilm: Späte Liebe, unter der Regie der jungen Ilse Hofmann; erst fünf Jahre später wurde es als Erzählung in Buchform veröffentlicht. An Theaterstücken hat Max von der Grün nach dem Radweltmeister nicht mehr gearbeitet; insofern kann die kurze Theaterphase wohl als Experiment ohne größere Nachwirkungen betrachtet werden.


  1. Redemanuskript Max von der Grüns zur Verleihung des Silbernen Blatts durch die Dramatiker-Union Berlin an Hans Dieter Schwarze 1973. Fritz-Hüser-Institut (FHI), Nachlass Max von der Grün: Grü-79. ↩︎
  2. Für ausführliche Angaben zu Leben und Werk Hans Dieter Schwarzes siehe Lexikon Westfälischer Autorinnen und Autoren: https://www.lexikon-westfaelischer-autorinnen-und-autoren.de/autoren/schwarze-hans-dieter/ [letzter Zugriff: 30.04.2026]. ↩︎
  3. ZDF, 14.04.1968. ↩︎
  4. SDR, 08.09.1968. ↩︎
  5. Seine Berufung erfolgte am 02.10.1967, siehe Westfälisches Literaturarchiv: Nachlass Hans Dieter Schwarze, Nr. 1050/434. ↩︎
  6. https://westfaelisches-landestheater.de/rund-ums-wlt/historie/ [letzter Zugriff: 30.04.2026]. ↩︎
  7. Hans Dieter Schwarze: „Tagebuchnotizen während der Regiearbeit“, in: Max von der Grün u. ders.: „Feierabend“. Dreh- und Tagebuch eines Fernsehfilms. Recklinghausen 1968, S. 63. ↩︎
  8. Redemanuskript Max von der Grüns, wie Anm. 1. ↩︎
  9. Siehe dazu auch: „Feierabendgeplänkel. Max von der Grün und Hans Dieter Schwarze schauen in die Kochtöpfe einer Bergarbeitersiedlung“, in: Walter Gödden (mit Fiona Dummann und Claudia Ehlert): 1968. Pop, Protest und Provokation in 68 Stichpunkten. Bielefeld 2017, S. 200–209. ↩︎
  10. „Filmregisseur löst den Wirt ab. Der ‚Schützenhof‘ in Brechten gleicht einem Atelier“, in: Westfälische Rundschau, 11.10.1967. FHI: Grü-111. ↩︎
  11. Etwa in der Erzählung Waldläufer und Brückensteher (1966), in dem Hörspiel Smog (1966), in Vorstadtkrokodile (1976) oder in Flächenbrand (1979). ↩︎
  12. Zitiert nach einer Presse- und Zuschriftenzusammenstellung des WLT. FHI: Grü-689. ↩︎
  13. Der Anschnitt 4/1968, hg. v. Vereinigung der Freunde von Kunst und Kultur im Bergbau e.V., S. 32. ↩︎
  14. „Brechtener kritisieren Fernsehspiel ‚Feierabend‘“, in: Westfälische Rundschau, 25./26.05.1968. FHI: Grü-689. ↩︎
  15. Gelsenkirchener Stadtanzeiger, 03.07.1968. ↩︎
  16. Max von der Grün u. Hans Dieter Schwarze: „Feierabend“. Dreh- und Tagebuch eines Fernsehfilms. Recklinghausen 1968, Impressum. ↩︎
  17. Schwarze: „Tagebuchnotizen während der Regiearbeit“, wie Anm. 7, S. 79. ↩︎
  18. Fred Viebahn: „Das Theater, der Tod und die Liebe zu Frauen.“ https://www.achgut.com/artikel/das_theater_der_tod_und_die_liebe_zu_frauen [letzter Zugriff: 30.04.2026]. ↩︎
  19. „Schichtwechsel. Tauben, Fußball und die Beatles. Max von der Grüns Fernsehspiel zeigt eine neue Ruhrgebietswirklichkeit“, in: Gödden: 1968, wie Anm. 9, S. 569-573. ↩︎
  20. WDR 2, 04.12.1965. ↩︎
  21. Manfred Grunert: „Die Mischung vom Sonntagabend“, in: Süddeutsche Zeitung, 01.10.1968. FHI: Grü-127. ↩︎
  22. https://www.dhm.de/zeughauskino/vorfuehrung/schichtwechsel-8925/ [letzter Zugriff: 30.04.2026]. ↩︎
  23. Redemanuskript Max von der Grüns, wie Anm. 1. ↩︎
  24. Max von der Grün im Radio-Essay Ein Tag wie jeder andere. Als Schriftsteller im Ruhrgebiet. WDR, 15.12.1968. Sendemanuskript: FHI: Grü-639. ↩︎
  25. Redemanuskript Max von der Grüns, wie Anm. 1. ↩︎
  26. Ausführlich zum Stück und der Rezeption: „Notstandstheater. Vom vergeblichen Versuch, Studierende und Arbeiter miteinander ins Gespräch zu bringen“, in: Gödden: 1968, wie Anm. 9, S. 419-438. ↩︎
  27. Heinz Georg Max: „‚Gradlinig, ohne Angst, die Dinge klipp und klar beim Namen nennend‘. Max von der Grün (1926-2005)“, in: Literatur in Westfalen. Beiträge zur Forschung 9 (2008), S. 248. ↩︎
  28. Ebd. ↩︎
  29. „Kumpel aus Gips“, in: Der Spiegel 3, 1969. ↩︎
  30. Ebd. ↩︎
  31. Ebd. ↩︎
  32. Westfälisches Literaturarchiv im LWL-Archivamt Münster, Nachlass Hans Dieter Schwarze, 1050/171. ↩︎
  33. Hans Dieter Schwarze, zitiert nach Ulrich Bumann: „Der Sport geht auf die Bretter. Vom Boxring bis zum Fußballplatz: Das Theater auf der Suche nach dem richtigen Stück“, in: Rheinischer Merkur, 04.06.1971. FHI: Grü-719. ↩︎
  34. Ulrich Schreiber: „Volksstück, heute. Uraufführung des Westfälischen Landestheaters: ‚Der Radweltmeister‘“, in: Frankfurter Rundschau, 05.05.1991. FHI: Grü-719. ↩︎
  35. Das Zitat geht auf Eo Plunien zurück, der im Artikel „Neun Autoren und kein Stück“ u. a. dazu schreibt: „Seine Sprache ist anspruchslos bis zur Primitivität.“ In: Die Welt, 04.05.1971. FHI: Grü-719. ↩︎
  36. Rubrik „Diese Woche im Fernsehen“, in: Der Spiegel 34, 1972. ↩︎
  37. Etwa die Online-Filmdatenbank IMDb: https://www.imdb.com/de/title/tt1735858/fullcredits/?ref_=tt_ov_sm_2#amzn1.imdb.concept.name_credit_category.c84ecaff-add5-4f2e-81db-102a41881fe3 [letzter Zugriff: 30.04.2026]. ↩︎
  38. https://www.literaturportal-bayern.de/figuren?task=lpbcharacter.default&id=163 [letzter Zugriff: 30.04.2026]. ↩︎

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