Der erste große Erfolg – und der bis heute größte – für Jugendbücher über das Ruhrgebiet war und ist Vorstadtkrokodile (1976) von Max von der Grün. Das ist alles andere als selbstverständlich. Denn die Kindererzählung berichtet erst einmal von ziemlich alltäglichen Dingen aus dem Leben einer Bande: einer Mutprobe, gemeinsamen Ausflügen, Problemen mit den Eltern, einem behinderten Jungen. Nichts Spektakuläres also, nichts Atemberaubendes und nichts Phantastisches, das jedoch seit fast fünfzig Jahren gelesen wird, bis in unsere Zeit der neuen Medien und Sensationen hinein.
Auch eine Neuverfilmung (2009) plus zwei Fortsetzungen (von 2010 und 2011), jene allerdings ohne Bezug zum Buch, sprechen offenbar für ungebrochene Attraktivität.1 Die scheint sich jedoch erst beim zweiten Lesen zu entwickeln, sozusagen zwischen den Zeilen. Und dort sind es vor allem Themen, die über den Tag hinaus Bedeutung haben und die behutsam, nicht aufdringlich in den Text gewoben sind. Umgang mit Vorurteilen, Toleranz, solidarisches Handeln und Aufpassen definieren zentrale Problempunkte, die den Lesern der Erzählung nahegebracht werden.
Der Untertitel von Vorstadtkrokodile heißt seit seiner ersten Auflage unverändert „Eine Geschichte vom Aufpassen“. Dies lässt sich zunächst auf zweierlei Weise verstehen, nämlich im Sinne von „aufpassen“ beziehungsweise „auf jemanden aufpassen“. Kurt Wolfermann, der einzige „Krokodiler“, der im Text einen Nachnamen trägt, wird bereits in den einführenden Personen-Porträts als jemand vorgestellt, der in seinem Rollstuhl sitzt und wartet, nachdenkt, aufpasst.2 Das sind genau die drei Charaktereigenschaften, die Kurt, diesen neuen Heldentypus, in der Erzählung auszeichnen und ihn daher so wertvoll für die „Krokodiler“ machen, weil sie wiederum diese nur rudimentär besitzen.
Da die Bandenmitglieder aber im Laufe der Geschichte eine Entwicklung durchlaufen, lernen alle, wie entscheidend es sein kann, zu warten, nachzudenken, aufzupassen. Wegen seiner Behinderung sind Kurt diese Vorzüge sozusagen in den Rollstuhl gelegt. Auch hier ist gegenüber den anderen Mitgliedern ein behutsames Vorgehen angebracht. Besonders das Warten, das fast leitmotivisch den Text durchzieht, ist für die übrigen „Krokodiler“ verständlicherweise eine Herausforderung: „‚Was ist denn los‘, rief Kurt, ‚bei euch muss immer alles auf Kommando gehen, bei euch muss immer alles gleich passieren … so was wie Geduld kennt ihr überhaupt nicht.‘ ‚Geduld‘, fragte Otto, ‚was ist denn das?‘“ (119f.)
Andererseits muss das aktivische Aufpassen ergänzt werden um das aus Kurts Sicht passivisch erlebte Auf-jemanden-Aufpassen. Denn nur so funktioniert die „Krokodiler“-Bande – und auch die Geschichte. Kurts Mutter weist darauf zweimal explizit hin (vgl. 89 u. 136) Die „Krokodiler“ müssen auf Kurt aufpassen, d. h. sich um ihn kümmern, Verantwortung übernehmen. Am Anfang tun sie sich damit außerordentlich schwer, der Text beschönigt hier tatsächlich nichts und wirkt deshalb realistisch. Hannes, mit dessen missglückter Mutprobe und Aufnahmeprüfung die Erzählung beginnt, bringt mit kluger Strategie Kurt in die Bande und macht sich immer wieder stark für ihn. Obwohl Hannes der jüngste der „Krokodiler“ ist, gehen von ihm die ersten Denkanstöße für einen korrekten Umgang mit dem querschnittsgelähmten Jungen aus und damit für ein Umdenken innerhalb der Bande:
„‚Dann müssen wir das eben lernen, kann doch nicht so schwer sein‘“ (40). Und gegen Ende kann der Erzähler beruhigt ein vorläufiges Fazit des Entwicklungsprozesses ziehen: „Alles war im Laufe der Wochen selbstverständlich geworden.“ (117) Zum Glück (für die Leserschaft) ist der Vorgang am Schluss der Erzählung noch nicht abgeschlossen, die „Krokodiler“ sind noch nicht perfekt, wie beispielsweise die Rettungsaktion durch die Bergbau-Invaliden zeigt („‚Ihr müsst besser aufpassen‘“, 150). Auch wenn besagter Untertitel („Eine Geschichte vom Aufpassen“) veraltet klingen mag, so bleibt ihr Inhalt mehr als aktuell: Kritikfähigkeit und Zivilcourage wären nur zwei modernere Übersetzungen davon.
Denn in dem allmählichen Läuterungsprozess der Bande, der durch den Auftritt von Kurt (und Hannes) ausgelöst wird, werden weitere Verhaltensweisen der Mitglieder wortwörtlich in Frage gestellt und zu ändern versucht. Mit dem Ausbilden von Kritikfähigkeit ist vor allem gemeint, dass die „Krokodiler“ sehr von Vorurteilen bestimmt sind. So existieren in der Gruppe Vorurteile gegenüber einzelnen Mitgliedern selbst (Maria, Hannes, Kurt), aber auch gegenüber den fremden „Italienerkindern“. Die Erzählung zeigt, dass hierfür zumeist die „Krokodiler“-Eltern verantwortlich sind, dass die Kinder die Einstellungen ihrer Eltern mehr oder weniger kritiklos übernehmen.3 Eine positive Ausnahme bildet hier Kurts Mutter, welche die Leserschaft zu korrektem Verhalten ermahnt („‚Man darf andere nicht beschuldigen, wenn man nichts weiß‘“, 89).
Die Eltern wiederum haben Vorurteile gegenüber den Kindern („‚Eine schöne Bande, diese Krokodiler, Erwachsene ärgern, sonst können die nichts‘“, 23). Zum ‚realistischen‘ Erscheinungsbild der Bande, das für Glaubwürdigkeit sorgt, gehört als weitere (anfängliche) Schwäche deren Unsolidarität. Sie bildet zugleich den Auftakt der Vorstadtkrokodile. Nicht nur Hannes misslingt die geforderte Mutprobe, die Bande als Ganze versagt, indem „sie Hannes im Stich gelassen hatte“ (19). Immer wieder geraten die „Krokodiler“ in Situationen, die von ihnen verlangen, sich solidarisch zu verhalten. Neben dem Plädoyer für Aufpassen und Toleranz bildet das „Problem solidarischen Gruppenhandelns“ daher „das eigentliche Kernthema der Erzählung“,4 Solidarität heißt die ‚Moral‘ in der Geschichte.5
Ihr ‚Unwesen‘ treiben die „Krokodiler“, die nur im Titel explizit „Vorstadtkrokodile“ genannt werden, tatsächlich in der Vorstadt. Das ist ein bevorzugter Handlungsort bei Max von der Grün, wie nicht nur sein letzter Erzählband beweist (Die Saujagd und andere Vorstadtgeschichten, 1995). „Was für mich den Reiz des Ruhrgebiets ausmacht, das sind die Vorstädte, die Vororte“, bekannte von der Grün einmal als „Schriftsteller in einem Industriegebiet“6. Gemäß dem sozial-demografischen Süd-Nord-Gefälle der Stadt Dortmund wird die Einbruchserie, in welche die „Krokodiler“ im Rahmen des zweiten (kriminalen) Erzählstrangs als selbsternannte Detektive geraten, „nur in den nördlichen Vororten verübt“ (42). Dort, „in dem bekannten Dortmunder Kleineleute-Milieu“7, wohnen sie mit ihren Eltern.
Die Siedlung zeichnet sich dadurch aus, dass es in ihren Vor- und Hintergärten verboten ist zu spielen, und da die „Krokodiler“ „nirgendwo einen geeigneten Spielplatz fanden“ (16), weichen sie ‚notgedrungen‘ auf das Gelände einer alten Ziegelei aus, wo sich das anfängliche Unglück ereignet. Dieser Abenteuerspielplatz, der als aufgelassener Industriestandort nicht untypisch für die Geschichte des Ruhrgebiets ist, ist ebenfalls verbotenes Terrain. Nach dem schon lange angekündigten Abriss soll hier ein neuer Supermarkt entstehen, Zeichen für den Strukturwandel im Revier, der immer deutlicher von der Produktion zur Dienstleistung führt. Ansonsten bleibt die Stadt als Kulisse im Hintergrund, auch wenn sie ausdrücklich benannt wird: „Über der großen Stadt Dortmund lastete eine kaum erträgliche Hitze, der Staub und der Gestank aus den großen Fabriken machten das Atmen schwer.“ (41)
Andererseits erhält man einen für ein „Kinderbuch“ recht detaillierten Ausschnitt aus der sozialen Gegenwart des Textes, aus der Zeit Mitte der 1970er Jahre im Ruhrgebiet. Nach der großen Krise im Bergbau führt auch die Stahlkrise zwischen 1973 und 1975 zu ersten massiven Entlassungen, die Arbeitslosenzahlen stiegen in den Revierstädten um nahezu 30 % (in Dortmund etwa von 5500 auf 14500). Diese „sauren Zeiten“ (25) schlagen sich unmittelbar in Vorstadtkrokodile nieder, „jedoch nicht mit Problembewußtsein überfrachtet“8. Zwei Väter sind arbeitslos, andere in Kurzarbeit, und Hannes’ Vater kämpft als Schleifer in einer Maschinenfabrik mit Überkapazitäten. Auch wenn beispielsweise die Szene über die Finanzsituation in Hannes’ Familie gekünstelt geraten ist, so bleibt die soziale Realität nicht außen vor.
Das gilt auch für die latente Ausländerfeindlichkeit, die bereits im Zusammenhang der Vorurteile erwähnt wurde und die sich in der Erzählung an der Einbruchserie entzündet: „Die Einwohner hatten natürlich, wie das immer so ist in diesen Fällen, zuerst die Ausländer in Verdacht, die Türken und die Italiener.“ (42) Bis auf Hannes’ Eltern gehören die meisten Väter der „Krokodiler“ dazu. „Vor allem Olafs Vater konnte sich nicht genugtun, in der Familie und in seiner Stammkneipe die Ausländer zu beschuldigen.“ (43) Bei Kurts Vater, Fahrer bei der Müllabfuhr, oder Franks Vater, Vorarbeiter in einer Maschinenfabrik, sieht es nicht anders aus, wie sein Sohn zu berichten weiß: „‚Mein Vater sagt immer, alle Ausländer sind Spitzbuben, vor denen ist nichts sicher, und mein großer Bruder sagt auch, dass die Kinder von den Ausländern schon zu Gangstern erzogen werden.‘“ (44f.)
Wie schwer es die einzelnen „Krokodiler“ haben, sich in dieser Welt mit eigenen Ansichten zu behaupten (Peter, Hannes, Maria), ist ein weiteres zentrales Anliegen dieser Erzählung. Besonders schwer hat es hier Olaf, der als ältester (und schlagfertiger) Anführer der Bande besonderen Anforderungen unterworfen ist: „‚Du immer … alles plapperst du nach, was Vater dir vorbetet.‘“ (57) Indem Max von der Grün „diese Verstrickungen ins Bewußtsein hebt, will er die Rezipierenden zu kritischem Nachdenken und zu mehr Weitsichtigkeit stimulieren“9. Der bis heute anhaltende Erfolg bei seiner Leserschaft spricht für diesen „Kinderbuch-Klassiker“.10
- Vgl. hierzu Katrin Tegtmeier: Die Detektivgeschichte für Kinder. Eine medienübergreifende Analyse. Saarbrücken 2007. ↩︎
- Max von der Grün: Vorstadtkrokodile. Eine Geschichte vom Aufpassen [1976]. München 2002, S. 9. Nachfolgend unter Angabe der Seite im Fließtext nachgewiesen. ↩︎
- Vgl. Franz Waldherr: Unterrichtsmodell Max von der Grün „Vorstadtkrokodile“. Paderborn 1997, S. 24ff. ↩︎
- Winfried Freund: Das zeitgenössische Kinder- und Jugendbuch. Paderborn 1982, S. 46. ↩︎
- Vgl. Franz Schonauer: Max von der Grün. München 1978, S. 126. ↩︎
- Peter J. Bock: „‚Ein Schriftsteller wohnt nicht in einem Industriegebiet‘. Max
von der Grün im Gespräch“, in: Revier-Kultur, 1/2 (1986), S. 59–64, hier S. 61. ↩︎ - Schonauer: Max von der Grün (wie Anm. 5) S. 126. ↩︎
- Walter Gödden [u.a.]: „Die Lust, ‚Nein‘ zu sagen“. Eine kleine Geschichte der westfälischen und flämischen Kinder- und Jugendliteratur, Münster 1997, S. 16. ↩︎
- Elvira Armbröster-Groh: Der moderne realistische Kinderroman. Themenkreise, Erzählstrukturen, Entwicklungstendenzen, didaktische Perspektiven, Frankfurt a.M. 1997, S. 53. ↩︎
- Vgl. auch Wozan Urbain N’Dakon: Kinder lesen „Vorstadtkrokodile“. Eine empirische Studie zur Rezeption des Kinderromans Max von der Grüns, Frankfurt a.M. 2001. ↩︎
Auszug aus: Dirk Hallenberger: „Jugendromane zwischen Krieg, Kolonie und Kanal. Max von der Grüns „Vorstadtkrokodile“ im Kontext der Ruhrgebietsliteratur“, in: Gegen Mauern anschreiben. Max von der Grün als Kinder- und Jugendbuchautor, hg. v. Jan-Pieter Barbian u. Erhard Schütz. Bielefeld 2023, S. 43–64.