„Nichts als gegeben hinnehmen. Max von der Grün und die Öffentlichkeit“ – Kurzberichte über der Tagung des Fritz-Hüser-Instituts für Literatur und Kultur der Arbeitswelt am 13. März 2026 in Dortmund

Leonie Danne, Melanie Gemke, Helena Jäger und Finn Werner – Auszubildende der Stadt- und Landesbibliothek Dortmund, Ausbildungsberuf Fachangestellte für Medien- und Informationsdienste – haben die wesentlichen Inhalte der einzelnen Tagungsvorträge zusammengefasst. Ihre Texte wurden, bis auf redaktionelle Änderungen, unverändert in diesen Blog-Beitrag übernommen.


„Alles vergessen, futsch, nie gewesen.“ Das Werk Max von der Grüns als erinnerungskulturelle Herausforderung – Nils Rottschäfer

Den Auftakt der Tagung machte Dr. Nils Rottschäfer von der Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaften der Universität Bielefeld. Zurzeit beschäftigt er sich in seiner Forschung unter anderem mit Sinnfragen, Sinnsuche uns Sinnstiftung in Literatur und Publizistik 1945 bis 1949, Literaturgeschichte der frühen Nachkriegszeit, Ästhetik des frühen Nachkriegshörspiels und Gegenwartslyrik.

Das Hauptaugenmerk seines Vortrags lag auf Max von der Grüns Roman Zwei Briefe an Pospischiel, Rottschäfer widmete sich dabei intensiv dem Motiv des Erinnerns. Paul Pospischiel, der Protagonist des Romans, bekommt zu Beginn einen Brief von seiner Mutter. Darin teilt sie ihm mit, dass sie den Mann ausgemacht hat, der dafür verantwortlich ist, dass Pauls Vater für sieben Jahre in ein Konzentrationslager musste. Trotz der Ablehnung seines Sonderurlaubs seitens der Firma, bei der Pospischiel arbeitet, besucht er seine Mutter. Als er zurückkehrt, bekommt er einen zweiten Brief mit der Kündigung. Der Text selbst befasst sich stark mit dem individuellen Gedächtnis einzelner Figuren sowie dem kollektiven, kulturellen Gedächtnis der Gesellschaft. Ein Leitmotiv im Roman ist das Verlangen der Mutter nach Gerechtigkeit für die „kleinen Leute“, die sich allerdings als schwer erreichbar herausstellt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg ist die Gattung Text das wichtigste Medium der Erinnerungsarbeit. Das aktive Erinnern an diese Zeit hingegen ist allerdings schwierig, wie der Roman anhand der verschiedenen Figuren zeigt. Pospischiel selbst möchte sich überhaupt nicht mit der Vergangenheit auseinandersetzen, der Impuls zur Reflexion kommt von außen über seine Mutter. Beierl, der Mann, der für den KZ-Aufenthalt des Vaters verantwortlich ist, gibt an, sich an nichts mehr erinnern zu können. Es gibt ein kollektives Verdrängen der NS-Zeit, die Täter drücken sich vor der Verantwortung und vor den Konsequenzen der eigenen Handlungen, indem sie angeben, sich nicht mehr erinnern zu können. Diese Erinnerungslücken werden häufig mit dem Faktor Zeit begründet, der Krieg sei schon zu lange her, womit die eigenen Taten relativiert werden. Das geschieht im Roman zum Beispiel durch den Auftritt eines älteren Ehepaars, das den Holocaust leugnet und zudem noch Täter-Opfer-Umkehr betreibt.

Die Familie Pospischiel ist laut Rottschäfer prototypisch für die verschiedenen Aufarbeitungsmethoden im Erinnerungsort Familie. Pauls Mutter möchte das Geschehene aktiv aufarbeiten und verlangt nach Gerechtigkeit, Pauls Vater redet nur selten über seinen KZ-Aufenthalt, während Paul Pospischiel selbst die Erinnerung verweigert. Doch Erinnern erfordert aktive Erinnerungsarbeit und ist somit der beste Weg, um die Opfer und das Leid, das ihnen zugefügt wurde, sichtbar zu machen.

Rottschäfer zieht aus dem Roman zudem noch einige Parallelen zur gegenwärtigen Zeit. Das Erstarken des Antisemitismus und der Erfolg der Rechtspopulisten nicht nur in Deutschland, sondern auf der Welt, sowie drohender Arbeitsplatzverlust durch neue Technologien sind auch heute aktuell. Im Anschluss an seinen Vortrag diskutierten die Tagungsteilnehmenden über die Aufarbeitung im Nachkriegsdeutschland der 1950er-Jahre und die Komplementarität zwischen dem Erinnern und dem Vergessen, wobei sich Letzteres entweder durch Verdrängen, Relativieren oder durch das Schweigen der Täter, der Opfer und der Gesellschaft ausdrückt.

Leonie Danne und Melanie Gemke


„Die Menge tobte. Immer mehr Fäuste schossen hoch“. Arbeitskampf und Öffentlichkeit bei Max von der Grün – Henning Podulski

Henning Podulski ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fritz-Hüser-Institut für Literatur und Kultur der Arbeitswelt. Seine Forschungsschwerpunkte sind unter anderem Arbeiter:innenliteratur und -bewegung, Klasse & Geschlecht und literarische Gruppen.

In seinem Vortrag thematisierte Podulski den Arbeitskampf – auch im Hinblick auf die Öffentlichkeit – und setze ihn außerdem in den Kontext der Werke Irrlicht und Feuer und Stellenweise Glatteis von Max von der Grün. Des Weiteren ging er auf Erfahrung und Arbeitskampf als (Arbeiter:innen-) Öffentlichkeit ein und setze diese in Bezug zu Irrlicht und Feuer und Etwas außerhalb der Legalität von Max von der Grün.

Um sich dem Begriff Arbeitskampf zu nähern, nutzte Henning Podulski ein Zitat von Karl Hernekamp, in welchem Arbeitskampf als „kollektive Auseinandersetzung zwischen Arbeitnehmer- und Arbeitgeberseite“ definiert wird, „um durch wechselseitigen wirtschaftlichen Druck bestimmte Ziele zu erreichen“. Dabei hätten Arbeitnehmer:innen auf ihrer Seite die Möglichkeit des Streiks und Boykotts. Auch Arbeitgeber:innen hätten die Möglichkeit des Boykotts – in Form s.g. ‚schwarzen Listen‘ –, aber auch der Aussperrung.

Beim Thema Arbeitskampf in der Öffentlichkeit unterteilte Podulski die Öffentlichkeit in drei Ebenen: die Öffentlichkeit als Betrachterin der Arbeitskämpfe, als Werkzeug und als Erfahrungsraum im Rahmen von Demonstrationen. Diese Ebenen würden sich aber auch alle überlappen. Weiter führte er unter Bezugnahme auf Peter Birke („Wegmarken der deutschen Streikgeschichte seit 1945“, 2024) aus, dass Arbeitskämpfe schnell zum öffentlich begleiteten Drama werden würden, aber noch schneller in Vergessenheit gerieten.

Sowohl die Gewerkschafts-Seite als auch die Arbeitgeber:innen-Seite könne den Arbeitskampf als Werkzeug verwenden, indem sie die Öffentlichkeit nutzen – erstere beispielsweise mit Flyern, welche Solidarität zeigen und somit die andere Seite verunsichern, und die Arbeitgeber:innen-Seite zum Beispiel, indem sie die Presse als ihr Mittel nutzen.

Im weiteren Verlauf bezog sich Podulski auf Bilder des Fremden (Claudia Valeska Czycholl, 2020) um aufzuzeigen, wie zunächst Verständnis von den Medien gegenüber den Streikenden gezeigt wurde, dieses später aber in rassistische Äußerungen wie „Türken-Terror“ umschlug.

Im weiteren Bezug auf das Werk Irrlicht und Feuer ging Henning Podulski darauf ein, dass eine Person die Demonstration gegen eine geplanten Zechenschließung verlässt und daraufhin alle Anwesenden diesem Beispiel folgen. Dabei flieht der Protagonist, weil er Angst vor seiner eigenen Courage und der der Menge hat und die Spannung nicht mehr erträgt.

Im Allgemeinen lasse sich hier ein ambivalentes Bild zeigen, bei dem die Möglichkeit von Solidarität gezeigt, aber nicht heroisiert wird, so Podulski.

Max von der Grün brachte mit einem Auszug aus seinem Roman, in dem die schweren und gefährlichen Arbeitsbedingungen thematisiert werden, die Gefährdungen auf der Arbeit an die breite Öffentlichkeit. Zwar hatte es massive Versuche gegeben, den Roman zumindest zu kürzen, er wollte diese Missstände aber trotzdem an die Öffentlichkeit bringen. Maßnahmen, die von der Grün deshalb später von seinem eigenen Arbeitgeber über sich ergehen lassen musste, machte er später zum Inhalt der Kurzerzählung Etwas außerhalb der Legalität.

Max von der Grün zeichnet ein ambivalentes Bild der Arbeiter:innen und kritisiert darüber hinaus auch die Arbeiter:innen-Vertretung. So ist auch Henning Podulski der Meinung, dass sich Max von der Grün parteipolitisch nicht festlegen lässt.

Abschließend fasste Podulski zusammen, dass „100 Jahre Max von der Grün“ auch 100 Jahre Arbeitskampf sind – und das mit Max von der Grün mittendrin.

Finn Werner


„Diese Kälte hier in Deutschland macht mich krank“: Soziale Thermometrie in Max von der Grüns Gastarbeiterporträts – Kevin Drews

Im Rahmen der Tagung stellte Dr. Kevin Drews, Juniorprofessor für Literatur und Theorie am Institut für Geschichtswissenschaft und Literarische Kulturen (IGL) der Leuphana Universität, seinen Vortrag zur Darstellung sozialer Kälte in Max von der Grüns Werk Leben im gelobten Land vor. Dabei rückte er die literarische Verarbeitung von Migrationserfahrungen und gesellschaftlicher Wahrnehmung in den Mittelpunkt und zeigte, wie sich soziale Zustände anhand literarischer Darstellungsweisen analysieren lassen.

Im Zentrum seiner Forschung stehen das politische Bild der Literatur, das Verhältnis von Literatur und Öffentlichkeit sowie Fragen der Repräsentationskritik in der Gegenwartsliteratur. Zuvor arbeitete er als wissenschaftlicher Mitarbeiter an den Universitäten Halle, Hamburg und der Humboldt-Universität zu Berlin und studierte unter anderem an der Ruhr-Universität Bochum.

Im Mittelpunkt seines Vortrags stand die sogenannte „soziale Kälte“ in Max von der Grüns Gastarbeiterporträts aus dem Buch Leben im gelobten Land. Drews führte an, dass sich diese Kälte wie eine Art soziale Thermometrie durch die Texte ziehe und unterschiedliche Bedeutungsebenen annehme. Gemeint sei damit nicht nur die zwischenmenschliche Distanz, die viele Gastarbeiter in Deutschland erfahren hätten, sondern auch klimatische Unterschiede, da zahlreiche porträtierte Personen aus wärmeren Ländern wie Griechenland oder Spanien gekommen seien. Wetter und Gesellschaft würden dadurch beinahe miteinander verschmelzen.

Die Kälte habe sich zudem in den Lebensbedingungen widergespiegelt: beengte Unterkünfte, soziale Abweisung und Arbeitsverhältnisse, die von den Gastarbeitern selbst als kalt beschrieben worden seien. Auch Heimweh erscheine als Folge dieser Erfahrungen. Besonders auffällig sei dabei, dass die Einheimischen in den Porträts häufig als distanziert wahrgenommen würden, wodurch eine kritische Perspektive auf gesellschaftliche Strukturen entstehe.

Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der Schreibweise des Buches. Die Porträts seien einheitlich aufgebaut: Zunächst werde der Name genannt, anschließend Herkunft und Leben im Heimatland, danach die Gründe für die Migration und schließlich die Erfahrungen in Deutschland, die oftmals enttäuschend ausfielen. Obwohl keine direkte Rede verwendet werde und die Struktur gleichbleibe, entwickelten die einzelnen Texte dennoch individuelle Charaktere. Max von der Grün habe die Gespräche vor Ort geführt, sie jedoch nicht rein dokumentarisch, sondern erzählerisch gestaltet. Literatur erscheine hier als Vermittlerin zwischen persönlicher Erfahrung und politischer Öffentlichkeit.

Auch Bildbandprojekte wie Unsere Fabrik seien thematisiert worden, in denen Fotografien und Texte unterschiedliche Lebensrealitäten zeigten – teils ergänzend, teils bewusst unabhängig voneinander. Diese Werke ließen sich als Erinnerungsarbeiten verstehen, die nicht nur ihre damalige Gegenwart beschreiben, sondern auch Kriegserfahrungen und Migrationsgeschichten bis ins frühe 20. Jahrhundert zurückverfolgten. Auch das Thema der Post-Migration wurde im Vortrag aufgegriffen.

In der abschließenden Diskussion wurde unter anderem gefragt, ob sich die beschriebene Kälte auch auf die Perspektive des Autors selbst beziehen lasse, etwa wenn Deutschland als besonders sauber dargestellt werde oder idealisierte Gastarbeiterfiguren auftauchten. Gerade diese offenen Fragen führten zu einer lebendigen Diskussionsrunde mit vielen neuen Denkanstößen.

Helena Jäger


Ostende, Naumburg, Rom. Nachkriegsdeutsche unterwegs in Max von der Grüns Reisen in die Gegenwart (in Fahrtunterbrechung, 1965) – Claudia Liebrand

Prof. Dr. Claudia Liebrand ist Professorin für Allgemeine Literaturwissenschaft / Medientheorie an der Universität in Köln.  Dort sind ihre Forschungsschwerpunkte die Literatur des 19. Jahrhunderts und der Klassischen Moderne, Geschlechterdifferenz, Medien und kulturelle Kommunikation. In ihrem Vortrag hat sie Kurzgeschichten über die Reisen von Nachkriegsdeutschen ins Ausland behandelt, in denen thematisiert wird, wie die Deutschen dort behandelt wurden. Die Texte, auf die sie sich für die Tagung fokussiert hat, sind im Werk Fahrtunterbrechungen und andere Erzählungen(1965) zu finden. Konzepte, die in den Geschichten immer wieder aufgegriffen werden, sind Gastfreundschaft, Nachbarschaft, Distanz und Nähe.

Schauplatz des ersten Textes ist Ostende, eine Küstenstadt in Belgien, welche der Protagonist Johannes Moll besucht, um dort vier Wochen Urlaub zu machen. Dort wird er allerdings aufgrund seiner Nationalität nicht besonders freundlich aufgenommen; so wird er zum Beispiel als „deutsches Schwein“, bezeichnet. Diese Beschreibung wird in der Erzählung häufig aufgegriffen; Moll muss sich mit der ablehnenden Haltung seiner Umgebung auseinandersetzen. In einer Szene klettert er sogar auf einen Laternenmast und verkündet den Bürgern von Ostende, dass er eine deutsche Sau sei; er bezieht den Ausdruck schlussendlich doch auf sich selbst und scheint sich von einem psychosozialen Standpunkt aus betrachtet sogar ein wenig damit angefreundet zu haben. 

In der zweiten Erzählung reist der Protagonist, der im Außendienst arbeitet, in die DDR, und empfindet diese als wenig gastfreundlich. Er möchte einen Halt in Naumburg machen, um sich dort die Stifterfiguren im Naumburger Dom anzuschauen. In der DDR kommt es allerdings zu Kommunikationsproblemen, so hält der Protagonist Privatgespräche mit den Ostdeutschen für kaum möglich. Laut ihm würden sich dabei die Gespräche immer nur um Autos drehen. Der Text, das zeigt Liebrand, verfolgt an einigen Stellen eine an das Prinzip zeitgenössisch verbreiteter Witze über Radio Eriwan bzw. Radio Jerewan orientierte Struktur: „Im Prinzip: ja, aber…“. Der Protagonist empfindet den Gesprächskorridor als besonders eng, weil er Angst hat, dass sein Gegenüber ihn falsch verstehen könnte. Die Lebenswelten zwischen West- und Ostdeutschen seien so unterschiedlich, dass sie sich nicht mehr verständigen können. Das Witze-Schema wendet er allerdings auch selbst am Ende der Erzählung an.

In der dritten Erzählung zieht es den Protagonisten und Landgerichtsrat Dagobert Mora mit seinem Dackel nach Rom. Auch hier wird erneut die Gastfreundschaft thematisiert; er bleibt in einer Gaststätte des Italieners Sigelo, mit dem ihn einiges verbindet. Zum einen ist da die Tierliebe; Mora hat einen Dackel, Sigelo hatte ebenfalls einen Hund, für den er während des Zweiten Weltkriegs Schinken gestohlen hat. Mora, der zu dieser Zeit in Italien stationiert war, verurteilte den Italiener dafür zum Tode, wozu es allerdings nicht kam;, allerdings wurde Sigelos Hund erschossen.      

Obwohl Mora Sigelo erkennt, wird er jedoch nicht von seinem Gegenüber identifiziert und erfährt keine persönlichen Konsequenzen. Die Stadt Rom spielt dabei noch eine symbolische Rolle, denn sie wird auch als die „ewige Stadt“ bezeichnet und bewahrt damit auch die Erinnerung an die NS-Zeit auf.

Die Tagungsteilnehmer diskutierten danach noch angeregt über die Komik in Max von der Grüns Erzählungen und ob sie wohl vom Autor beabsichtigt war oder von den heutigen Rezipienten als komischer aufgefasst wird, als von der Grün gewollt hatte. Wobei festgestellt wurde, dass viele der komischen Elemente auch heute noch funktionieren würden.

Leonie Danne und Finn Werner


Vater-Mutter-Kind. Familienkonstruktionen und die Rolle der Frau in Friedrich und Friederike – Jessica Hainke

Jessica Hainke ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Dort sind ihre Forschungsgebiete unter anderem Lyrik, Literatur des 20. und 21. Jahrhunderts, Literatur- und Wissenschaftstheorie, Philosophie, Technik- und Mediengeschichte.

In ihrem Vortrag widmete sich Hainke dem Buch Friedrich und Friederike von Max von der Grün. Im Bezug zu diesem Werk wurden Geschlechterfragen, Körperlichkeiten und Körper sowie Kleidung, Kosmetik und Hausarbeit behandelt.

Zunächst wurden die Protagonist:innen Friedrich und Friederike vergleichend beschrieben – beide sind Einzelkinder und leben in Familien mit ähnlichen Verhältnissen. Jedoch sind Friedrichs Eltern – insbesondere der Vater – in dem Werk präsenter als die Eltern von Friederike. Sein Vater wird detailliert charakterisiert – so sind ihm Vorschriften etwas Heiliges, er ist auf die Berufswahl seines Sohnes fokussiert und Arbeit empfindet er als wichtig. Bei der Mutter ist hingegen weniger Charakterisierung erkennbar. Ihr Fokus liegt auf Erziehung, Kochen und Haushalt. Während Friedrichs Vater Freizeitbeschäftigungen, wie dem Angeln, nachgeht, scheint die Mutter weniger solcher Aktivitäten zu pflegen und muss sich stattdessen um den Haushalt kümmern.

Anders gestaltet es sich bei Friederikes Eltern. Diese treten im Gegensatz zu Friedrichs Eltern stärker als Einheit auf und unternehmen mehr Aktivitäten zusammen. Allerdings gibt es kaum genauere Charakterisierungen der beiden.

Im Weiteren ging Jessica Hainke in ihrem Vortrag auf Körperlichkeit und die Kleidung beider Kinder ein. So zeigte sie auf, wie Friederike klare Regeln für ihre Kleidung und ihr Verhalten hat. Friederike entscheidet sich im Buch dazu, auch noch kindliche Kleidung zu tragen, und sie macht ihre Grenzen deutlich, als es zu einer Annäherung zwischen ihr und Friedrich kommt.

Beim Thema Arbeit erkennt man die Unterschiede zwischen Friedrich und Friederike, wie Hainke aufzeigen konnte. Friederike orientiert sich zunächst für ihren Berufswunsch an ihrer Familie und richtet sich somit danach was in ihrem Umfeld als normal angesehen wird. Man erfährt auch, dass Friederike an typischen Männerberufen interessiert ist, im Grunde eine solche Differenzierung aber ablehnt. Friedrich achtet hingegen stärker darauf, was in seinen Augen Frauen- und Männerberufe sind. Erkennbar ist diese Sichtweise auf Geschlecht auch, als Friederike im Wald einen Platten am Fahrrad hat. Während er sich direkt um ihren Platten kümmert, wünscht sie sich währenddessen, auch mal zu sägen, so wie das auch Arbeiter, die sie im Wald sieht, machen. Jessica Hainke geht in dieser Szene auf die sogenannte „learned helplessness“ ein. So kettet Friedrich das Fahrrad von Friederike an einen Baum fest und fährt mit seinem eigenen Fahrrad weg. Friederike, die sich zunächst beim Reparieren ihres Fahrrads hat helfen lassen, sägt nun in ihrer Not den Baum ab, um das Fahrrad vom Baum zu befreien.

Abschließend wurde von Hainke auch die Rollenverteilung im Haushalt thematisiert. In einem Gespräch zwischen Friedrich und Friederike, erwartet Friederike von Friedrich, dass er Brötchen holt, weil ihr Vater das immer machen würde. Friedrich möchte dies aber nicht und entgegnet, dass das Frauen tun sollten, wenn man verheiratet ist. Daraus wird laut Jessica Hainke deutlich, dass Friederike sich noch mehr als Kind wahrnimmt und sie als Kind ihrer Eltern das schließlich nicht tun müsse. Friedrich hält hingegen an der klassischen Rollenverteilung seiner Eltern fest.

In der an den Vortrag anschließenden Diskussion wurde Jessica Hainke gefragt, warum sie die Verfilmung von Friedrich und Friederike in Form einer TV-Serie nicht in ihre Argumentation hat einfließen lassen.“

Ihre Antwort darauf war, dass Friederike im Buch deutlich anders als in der Serie dargestellt wird. Außerdem sei das Buch auf wenige Figuren zentriert, während die Serie mehr andere präsentere Charaktere, wie beispielsweise Klassenkamerad:innen zeige.Zudem kam die Frage auf, welche Gruppe das Buch bei ihrem Kauf ansprechen soll – die Eltern oder die Kinder. Darauf war die Antwort, dass das Buch sowohl für Kinder als auch für Erwachsenen interessant sein könnte und man so auch Anknüpfungspunkte in der Schule finden könnte.

Finn Werner


Ey, Alter. Max von der Grüns Erzählung Späte Liebe – Jasmin Grande

Im Rahmen ihres Vortrags „Ey, Alter“ ordnete Dr. Jasmin Grande, geschäftsführende Leiterin des Instituts „Moderne im Rheinland. Zentrum für Rheinlandforschung“ an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Max von der Grüns Erzählung Späte Liebe literatur- und kulturwissenschaftlich ein. In ihrem Vortrag knüpfte sie an Themen aus einer Lesung der Autorin Heike Geißler am Vortag an und eröffnete drei weitere thematische Perspektiven: Arbeitsbegriff, Altern sowie den Körper der Mutter als Erinnerungsfigur.

Ausgangspunkt des Vortrages war der Beginn der Erzählung, der den Alltag der verwitweten Margarete Gmeiner schildert. Grande interpretierte die Pflege des Grabes des verstorbenen Mannes nicht nur als Routinehandlung, sondern als Ausdruck von Fürsorge, Liebe und Vermissen. Arbeit erscheine hier weniger als Erwerbstätigkeit, sondern vielmehr als soziale Aufgabe und emotionale Praxis. Bereits an dieser Stelle werde ein erster Zugang zum Thema Alter sichtbar.

Des Weiteren betrachtete Grande den Begriff „Altern“ aus kulturwissenschaftlicher Perspektive. Unter Bezugnahme auf Werke wie Elke Heidenreichs Altern, Erkenntnisse aus den Gender Studies sowie den Essay The Double Standards of Aging von Susan Sontag werde deutlich, dass Alter gesellschaftlich unterschiedlich wahrgenommen werde – insbesondere entlang von Geschlechterrollen. Die stärkere Präsenz von Frauen in Aging Studies lasse sich nicht allein biologisch erklären, sondern auch durch erinnerungskulturelle Zuschreibungen, die häufig an Mutterfiguren gebunden seien.

Daran anschließend diskutierte Grande den „Körper der Mutter“ als literarisches Erinnerungsmodell, das sich auch in Werken wie Karin Strucks Die Mutter oder Beatrix Langners Der Vorhang wiederfinde.

Auch die Rezeptionsgeschichte habe eine Rolle gespielt: Archivmaterialien, unter anderem aus dem Fritz-Hüser-Institut, belegten verschiedene Ausgaben zwischen 1982 und 2000, Theaterfassungen sowie Seniorentheater-Projekte. Nostalgisch gestaltete Buchcover und Großdruckausgaben deuteten darauf hin, dass sich die Erzählung gezielt an ältere Generationen gerichtet habe, zugleich aber auch Empfehlungen für jüngere Generationen ausgesprochen worden seien.

Zum Abschluss nahm Grande die Handlung selbst in den Blick: Eine Witwe und ein verwitweter Schneidermeister begegnen sich auf dem Friedhof, verlieben sich, ziehen zusammen und heiraten schließlich – begleitet von familiären Konflikten. Neben der Liebesgeschichte tritt ein Generationenkonflikt hervor, in dem drei Generationen schematisch gegenübergestellt werden. Heldinnen oder Helden gibt es nicht; vielmehr zeigt der Text fehlerhafte, aber menschliche Figuren.

Die anschließende Diskussion griff unter anderem Fragen zur Publikationsgeschichte sowie zu Trauer- und Pflegearbeit auf und schloss den Vortrag mit vielfältigen Perspektiven auf Altern und Erinnerung ab.

Helena Jäger


Max von der Grüns autofiktionale Jugenderinnerungen: Wie war das eigentlich? Kindheit und Jugend im Dritten Reich (1979), Eine Jugend in Franken (1990) – Dirk Niefanger

Dirk Niefanger

Den Tagungsabschluss bildete der Vortrag von Prof. Dr. Dirk Niefanger, Literaturwissenschaftler an der Friedrich-Alexander-Universität Nürnberg-Erlangen. Er ist Sprecher des DFG-Graduiertenkollegs „Literatur und Öffentlichkeit“. Seine Forschungsschwerpunkte liegen auf der Kultur der frühen Neuzeit und der Literatur der Wiener Moderne. Für die Tagung hat sich Niefanger mit von der Grüns Kindheit und Jugend befasst.    
Grundlage für seinen Vortrag sind die von Max von der Grün verfassten Werke Wie war das eigentlich? Kindheit und Jugend im Dritten Reich (1979) sowie Eine Jugend in Franken (1990), in denen der Autor das Aufwachsen in Zeiten des Nationalsozialismus thematisiert. Allerdings sollte man deswegen nicht annehmen, dass seine Erzählungen strikt autobiographisch aufzufassen sind, da einige Gegebenheiten in den Werken von seinem tatsächlichen Lebenslauf abweichen. Von der Grün war kein Historiker, sondern ein Dichter und das Verhältnis zwischen Dichtung und Realität müsse nicht immer übereinstimmen. Die Darstellung des eigenen Lebens muss in der Literatur nicht korrekt sein und von der Grün hielt sich ebendiese künstlerische Freiheit offen.  So ändert er zum Beispiel den Ort des KZ Flossenbürg, in dem sein Vater inhaftiert war, in das bekanntere Dachau um, welches mehr Menschen ein Begriff ist.

Max von der Grüns Erinnerungen sind eher autofiktional, statt autobiografisch aufzufassen. Er bewahrt zudem auch in manchen Aspekten eine gewisse Distanz zu seinem eigenen Leben oder gibt offen zu, dass er sich an manches nicht mehr richtig erinnern könne. Auch der Großvater, der eine zentrale Rolle in Eine Jugend in Franken spielt, wird beispielsweise mit einer Romanfigur verglichen.

Die beiden Werke selbst stehen im Kontext der Erinnerungskultur, es soll eher um das persönliche Schicksal gehen und verfolgt daher ein didaktisches Ziel und hat keinen Anspruch auf historische Korrektheit.     
Im Anschluss an den Bericht wurde noch angeregt darüber diskutiert, inwiefern Eine Jugend in Franken Stilelemente eines Märchens beinhaltet, da sich speziell der Anfang in diesem Kontext lesen ließe.

Leonie Danne

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