Ein Schriftsteller hier bei uns im Zechendorf.
Hommage an Max von der Grün (1926–2005)
Heute Morgen mit Fritz Hüser telefoniert, anschließend den Zaun gestrichen. Max von der Grün führte Tagebuch in den frühen sechziger Jahren, als er im westfälischen Heeren lebte und dort die Romane Männer in zweifacher Nacht und Irrlicht und Feuer, seinen wohl wichtigsten, schrieb. Seine ersten Romane, die einzigen, die unmittelbar im Bergbaumilieu angesiedelt sind und, jeder auf seine Art, diese Zeit – das Alltagsleben im Ruhrgebiet und natürlich die Arbeit untertage – so genau, eindringlich und unverfälscht spiegeln. Ehrlich, mitfühlend, Partei ergreifend. Männer in zweifacher Nacht mit seinen hautnahen Schilderungen auswegloser, klaustrophobischer Szenen des Verschüttet-, Abgeschnitten- und Verlorenseins stellte vor allem philosophische, religiöse und ethische Fragen. Irrlicht und Feuer hingegen ist weitaus direkter, gesellschaftskritischer, aufrüttelnder, politischer. Letztendlich bahnbrechend und einzigartig. Gleichzeitig gewähren sie intensive und intime Einblicke in den winzigen, fast noch ländlichen Bergbauort Heeren, so wie ich ihn damals kannte und erlebte.
Dabei steht Heeren für mich stellvertretend für andere Orte, Vororte und Siedlungen im Ruhrgebiet. Triste Orte mit merkwürdigen Doppelnamen, eingemeindete Stadtteile, eine riesige Dorflandschaft aus lauter Siedlungen. Zerklüftet, ausufernd, zugebaut.
Nach Heeren-Werve zwischen Dortmund und Hamm hat es den jungen Max von der Grün aus Franken mehr oder weniger zufällig verschlagen, als er im Revier ankommt und die Angebotsliste der Schachtanlagen durchgeht, die als zukünftige Arbeitsstelle infrage kommen. Ein Arbeitsmigrant, wie so viele in jener Zeit. Und ein Neubeginn, der zu einem lebenslangen Ortswechsel führt und, wenn man so will, zu einer neuen Heimat für ihn und die große Zahl der Arbeitssuchenden, Flüchtlinge und Vertriebenen, die mit ihm ankommen im Ruhrgebiet. Über sein Verhältnis zum Begriff Heimat hat er sich mehrfach geäußert, seine nüchterne Definition lautete: Heimat ist dort, wo du dein Geld verdienst. Das zählte, galt besonders für ihn. Beschönigt, verharmlost oder glorifiziert hat er nie.
Königsborn, für Max von der Grün ein klangvoller Name. Zu Kaiserzeiten ein Solebad mit Kurpark, Saline und Badehäusern vor den Toren Dortmunds. Königsborn hießen auch die fünf durchnummerierten Schachtanlagen der Klöckner Bergbaugesellschaft. Die suchen Bergleute dort. Wenn Sie hier unterschreiben, können Sie morgen anfangen,beschied man dem Neuankömmling. So gelangte der gelernte Bürokaufmann und nach dem Krieg im heimischen Franken arbeitslos gewordene Bauarbeiter in das westfälische Bergbau- und Bauerndorf Heeren. Hier lag die Schachtanlage Königsborn II/V, hier gab es für ihn einen Arbeitsplatz, Kohle war gefragt in der jungen Bundesrepublik, kurz nach dem Krieg.
Gestern den Zaun gestrichen, auch die Kellertür repariert. Max von der Grün schrieb nicht nur profane Alltäglichkeiten aus dem Heerener Siedlungsleben in sein Tagebuch: Mache mir Sorgen, wenn ich den Prozess verlieren sollte. Geht immerhin um 250.000 Mark, kein Pappenstiel, mache mir Sorgen, keine Ahnung, wie es dann weitergeht.
Als zaghaft, ängstlich, kleinmütig habe ich ihn nicht erlebt. Viel später beispielsweise, 1985, als in Unna das westfälische Literaturbüro gegründet wurde, auch mit Unterstützung meist jüngerer regionaler Autoren, zeigte er sich eher skeptisch, weit weniger begeistert als die meisten Kollegen. Ich würde es besser finden, wenn das Geld nicht in so ein Büro gesteckt würde, sondern uns Autoren direkt zugute käme. Wer weiß, was die anstellen damit, nur um sich einen Namen zu machen. Einen Vorteil für euch sehe ich da eher nicht. Bereitwillig stellte er mir eine kleine Erzählung zur Verfügung, die den Titel trug Königsborn, das hörte sich schon besser an,1 als ich ihn als Mitherausgeber einer Anthologie anlässlich der Gründung des Literaturbüros in Unna um einen Beitrag bat.
Max von der Grün hatte im Grunde keine große Wahl. Engagiertes Schreiben und die damit verbundenen Pflichten und Anforderungen, beispielsweise auch den Wünschen, Anfragen und Verlockungen der Medien nachzukommen – und gleichzeitig die tägliche Heerener Zechen- und Knochenarbeit? Das alles ließ sich plötzlich nicht mehr miteinander vereinbaren. Er war gefragt, musste Interviewtermine wahrnehmen, zu Aufnahmen in irgendein Studio fahren, versäumte so die eine oder andere Schicht. Unentschuldigtes Fernbleiben vom Arbeitsplatz. Der Kerl kriegt umgehend die Kündigung. Macht nur Schwierigkeiten. Macht uns schlecht, ist ein Betriebsrisiko.
Seine unbequeme, kritische Haltung schmeckte den Zechenherren natürlich überhaupt nicht. Die Kündigung also, freier Schriftsteller über Nacht und weg von Heeren, raus aus dem engen Zechendorf. Aber beharrlich sein, nicht klein beigeben und Weitermachen mit dem Schreiben. In Lanstrop nun, nicht weit weg von Heeren, gerade mal um die Ecke. Ein harmlos-trister Dortmunder Vorort. Arbeitersiedlungen, ähnlich wie Heeren. Dort erwarb er erneut ein Haus in der Bremsstraße, dort richtete er sich ein und schrieb, von dort nahm er nun seine Termine wahr. Ein gefragter Autor, zur richtigen Zeit mit den richtigen Themen am richtigen Ort.
Fleißig zu sein und überzeugt zu sein, auch das gehörte zwingend dazu. Und der Erfolg gab ihm Recht. Da konnte es schon mal passieren, dass er im Kreise der Schriftstellerkollegen mit der einen oder anderen Sache, mit einem Bucherfolg oder einem Interviewhonorar, plötzlich auftrumpfte und protzte. Wisst ihr eigentlich, was ich herausgehandelt habe beim Verlag? Wieviel Prozente ich kriege für den neuen Roman? Der eine oder andere Kollege hat es als aufdringlich, angeberisch empfunden. Warum erzählst du uns das? So viel bekomme ich längst nicht. Max hielt mit seinem Erfolg nicht hinter dem Berg.
Soll so einer sich doch freuen und ruhig ein bisschen angeben mit dem Erfolg, auch dem finanziellen, der ihm nicht einfach in den Schoß gefallen ist. Ansonsten: Schuster, bleib bei deinem Leisten.
Das schaffte Max auf seine Art. Beharrlich weiterschreiben, nicht locker lassen, darum ging es ihm. Schreiben über die Themen, die ihn prägten, die ihm wichtig bleiben. Parteinahme für die da unten, die einfachen Leute, die arbeitende Klasse.
1951, wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, war Max von der Grün ausgerechnet in Kamen gelandet. Seine erste Station und Adresse war, wie für die meisten Bergbau-Neuankömmlinge, ein sogenanntes Bullenkloster. Nicht nur nach heutigem Verständnis waren es karge, eher notdürftige Unterkünfte. Ein Haufen meist junger Männer auf engem Raum. Dort wollte niemand länger wohnen und schlafen als unbedingt nötig. Auch Kostgänger zu sein in einem winzigen ungeheizten Mansardenzimmer bei einer alteingesessenen Familie, die diesen kleinen Nebenverdienst nötig hatte, war nicht gerade erstrebenswert. Großartige Wahlmöglichkeiten hatte man allerdings nicht, es herrschte gravierende Wohnungsnot, die sich erst allmählich milderte, als immer mehr Siedlungen hochgezogen wurden, in der Regel mit winzig-einfachen Häusern, die ja auch bezahlt werden wollten.
Für ein solches Siedlungshaus bewarb sich auch Max von der Grün. Im Vorgarten seines inzwischen längst renovierten Wohnhauses im Grünen Weg, in dem Max bis 1963 mit seiner kleinen Familie lebte und schrieb, hat die Kommune Kamen auf Anregung von Schriftstellerkollegen eine kleine Gedenktafel aufgestellt; an seinem Geburtshaus in Bayreuth gibt es Ähnliches.

Seine Witwe Jennifer schmunzelt: Er hat mir das Haus in Heeren mal gezeigt und tüchtig angegeben, was er damals alles gemacht und gebaut hat, eigenhändig: hier eine Wand verputzt, da ein zusätzliches Mäuerchen hochgezogen. So ganz will ich das nicht glauben. Er hatte eher zwei linke Hände.
So oder so. Nach acht Stunden untertage, nach anstrengender Schichtarbeit, Hitze, Staub und Dunkelheit und nach der Schreiberei, Schriftstellerei nach Feierabend wird ihm auch die Zeit gefehlt und der Sinn nicht danach gestanden haben, sich auch noch zusätzlich handwerklich zu betätigen.
Heerener Dorfleben, eine vermeintliche Idylle, hinter deren Fassaden es häufig weniger idyllisch aussieht, Sorgen und Unfrieden in der Familie, Streit mit dem Nachbarn, ein unsicherer Arbeitsplatz, die vielen Veränderungen, die Bergbaukrise und die unmittelbare Nachkriegszeit bringen, schildert Max von der Grün in Erzählungen seines Bandes Am Tresen gehn die Lichter aus. Bestürzt und fassungslos berichtet er zum Beispiel, wie für den Bau neuer Siedlungshäuser fast erntereife Getreidefelder mit dem Bulldozer abgetragen und auf den Haufen geschoben werden: Sind die verrückt? Einfach den Weizen abzutragen? Fünf Jahre nach Kriegsende, drei Jahre nach dem härtesten Hungerwinter? Haben die schon vergessen, was Hunger ist, vergessen, was ein Weizenhalm für ein Reichtum war?
Dann waren da noch Walter Ulbricht und seine DDR. Den Menschen dort ging es materiell bei Weitem nicht so gut wie im Westen. Die Schriftsteller drüben gefielen ihrem Staatschef auch nicht immer. Da konnte er schon mal pauschalieren, verunglimpfen und einen billigen Spruch vom Stapel lassen. Nehmt euch ein Beispiel an diesem Max von der Grün, Genossen. Der schreibt besser als ihr. Der weiß, wie es geht. Ihr dagegen im Land der Arbeiter und Bauern … Diese Aussage Ulbrichts gibt es tatsächlich. Wahr und ziemlich übel zugleich.
Zurück nach Heeren, in den kleinen, unbedeutenden Ort, in dem Max von der Grün zwölf Jahre lebte. Das sogenannte Wirtschaftswunder hat Fahrt aufgenommen, auch wenn seine materiellen Errungenschaften am ehesten wohl an der arbeitenden Bevölkerung vorbeigehen, die eigentlichen Profiteure letztlich einige wenige sind. Dennoch, es gibt Entwicklung mit steigendem Wohlstand. Man wird plötzlich autoverrückt, die Motorisierung boomt und für die Anschaffung eines Pkw lohnt es zu arbeiten, glauben viele, und es werden immer mehr. Einer wie Max von der Grün will und kann da nicht zurückstehen.
Auch ein Dorf wie Heeren macht mobil, immer mehr legen sich einen fahrbaren Untersatz zu. Nachbarn von mir sind nicht nur automobilbegeistert, sondern verstehen auch etwas von Motoren. Die Jungen betreiben Motorsport, der Vater gründet eine kleine Autowerkstatt, die bald expandiert. Die wenigen Fahrzeuge, die während der Nachkriegszeit über Heerens Straßen rollen, sind winzige Automobile. Messerschmitt-Kabinenroller sind es, Goggomobile der Firma Glas, der legendäre Lloyd Alexander etwa oder wacklige BMW-Isettas. Leukoplastbomber, einfache Kisten, nicht unbedingt geeignet, weite Strecken zurückzulegen. Doch das mögen heutige Maßstäbe sein, und zudem: Alles fängt einmal klein an.

Das gilt auch für Max von der Grün, der ebenfalls mobil sein will, mobil sein muss. Und echt autobegeistert ist er wohl auch. Sein erstes Auto wird ein Glas, eine winzige Firma, die heute keiner mehr kennt. Ein Autobauer aus Bayern, das mag für Max den Ausschlag gegeben haben.
Heeren liegt günstig, aber Heeren hat keinen Bahnhof, Busse fahren selten, es ist umständlich und zeitaufwändig, irgendwo hinzukommen. Das gilt auch für Max, und da ist so ein kleines flottes bayerisches Glasmobil genau das Richtige. Den besorgt ihm der kleine Heerener Familienbetrieb, einen teuren Volvo kriegt man bald nebenan über den Tankstellenpächter, der dafür eine Verkaufslizenz hat. Die Zeit schreitet voran, die Entwicklung geht weiter. Max geht mit der Zeit, ein etwas flotterer, kräftigerer und modernerer BMW ist da nicht schlecht. Heerener Bergleute fahren den eher selten. Ein Auto, das in der Siedlung Aufsehen erregt. Was, der? Arbeitet der überhaupt? Woher hat er das Geld? Gibt ’ne Welle an, wundert mich nicht. Schriftsteller? Bildet sich wohl ein, etwas Besonderes zu sein.
Prozess gewonnen, gute Honorare in Aussicht. Sonst wäre es wohl Essig gewesen mit einem schönen Auto. Aber Neider gibt es immer. Und auch das Schreiben trauen ihm manche nicht zu. Wie soll das gehen, erklär mir das mal. Der ist doch Bergmann, haste schon mal erlebt, dass so einer schreibt? Wird wohl unser Pastor gewesen sein, der ihm geholfen hat. Oder warte mal, seine Frau, die ist Lehrerin, um Rechtschreibfehler wird die sich gekümmert haben.
Im Dorf Heeren hält Max von der Grün Augen und Ohren offen, aber ob sich da jemand ernsthaft für sein Schreiben interessiert hat, bezweifle ich. Hier und da etwas Neugierde vielleicht, das wird dann schon die Ausnahme gewesen sein. Aber Anregungen und Stoff bietet ihm das Kohledorf reichlich. Geholfen, ermuntert, unterstützt hat ihn eher der Dortmunder Bibliothekar Fritz Hüser, der mit ihm zusammen die Gruppe 61 gründet. Die Dortmunder Gruppe 61 soll ein Neubeginn für die Literatur der jungen Bundesrepublik sein, mit einem neuen Schwerpunkt, dem sich die Schriftsteller dort vorrangig widmen wollen. Das Thema Arbeit steht im Fokus, realistische Literatur will man schreiben. Max von der Grün ist der erfolgreichste und wichtigste Vertreter der Gruppe.
Helfen muss ihm bald niemand mehr. Auch die Drehbücher für die zahlreichen Verfilmungen schreibt er oft selbst, Themen für neue Romane und Erzählungen findet er immer wieder. Neue Romane wie Stellenweise Glatteis, Flächenbrand, Die Lawine erscheinen, dazu Erzählungsbände, Sachbücher, Hörspiele. Auch weniger bekannte Werke wie Späte Liebe. Für dessen ARD-Verfilmung erhalten die Regisseurin Ilse Hofmann und Max von der Grün als Drehbuchautor den Wilhelmine-Lübke-Preis der Deutschen Altershilfe. In seiner bewegenden Rede zur Preisverleihung wendet von der Grün sich unter dem Titel Alt werden – eine Strafe? gegen den Jugendwahn der Leistungsgesellschaft: Immer ist Jugend Trumpf; es wird so getan, als gebe es weder Alter noch Tod. Heerener Berginvaliden setzt er in seinen Erzählungen ein Denkmal, aber auch die Empfindungen und Sorgen des Alters schildert er in Späte Liebe wie immer voller Zuneigung und Empathie für die kleinen Leute, für die Benachteiligten, Vergessenen.
Die krisenhaften Veränderungen, mitunter auch das sture Verharren, persönliche Bequemlichkeit, Unbeweglichkeit, Unwille und Unvermögen, sich neuen Anforderungen zu stellen, hat Max von der Grün immer wieder in Erzählungen verarbeitet. Dabei hat er besondere Menschen charakterisiert in dem kleinen unscheinbaren Ort, hat Straßen und Plätze exakt gezeichnet in einem Dorf, das auch anders hätte heißen können, und ihm so ein literarisches Denkmal verschafft. Ob die Orte nun Altenbögge-Bönen heißen oder Hamm-Herringen, vieles war und bleibt austauschbar, und es spielt kaum eine Rolle, ob Szenen für eins seiner Fernsehstücke in Bochum-Langendreer, Dortmund-Scharnhorst oder Essen-Kray gedreht wurden. Atmosphäre und Topografie stimmten, überall gab es geeignete Drehorte, es passte immer. Ruhrgebiet, eine dichte Städtelandschaft von Duisburg bis Dortmund, geprägt von Arbeit. Orte, die oft nahtlos ineinander übergehen, miteinander verschmelzen. Ein sich dehnender Dörfer- und Siedlungsteppich ohne Ende und Anfang mit jeder Menge Leben, mit erinnernswerter Geschichte, mit Geschichten und literarischen Orten. Besonders auch dank einem wie Max von der Grün.
- Die Erzählung findet sich in: Im Autobahnkreuz oder die Umwelt, die ich meine. Geschichten u. Gedichte von 24 Autoren, e. Veröffentlichung d. Westfäl. Literaturbüros Unna, hg. v. Gerd Puls u. Gerhard Rademacher. Klartext 1984 ↩︎
Schlittenfahren
Unsere halbe Volksschule. Fünftes bis achtes Schuljahr. Mit dem Zug ins Sauerland.
Mit den Schülerhorden und Rodelschlitten rauf bis Winterberg. Für Kinder vom Dorf ein echtes Abenteuer. Alle in einem Waggon, der Lehrer zum Glück woanders. Bespricht sich mit Kollegen aus den umliegenden Dörfern. Oder sie trinken schon mal einen Schnaps zum Frühstück, um sich aufzuwärmen. Wir gucken aus dem Fenster, wie es raucht und zischt und der Qualm da weht. Die vorbeizockelnde Landschaft interessiert eher wenig, alles weiß, viel gibt es nicht zu sehen. Und gemütlich ruckelt die kleine Dampflok die schäbigen Abteilwagen mit all den Schulkindern auf den hölzernen Bänken höher in die Berge oder was wir dafür halten.
So viele Kinder, werden die Lehrer gestöhnt haben, als sie die Fahrt beschlossen haben. Und so wenig Lehrer! Wir brauchen Verstärkung! Leute, die Aufsicht führen! So viele Blagen auf einen Schlag, und jede Menge Rabauken, die so was nicht kennen! Beaufsichtigen die wilde Horde – auf einem steilen Rodelhang? Aufpassen, ordnen, auseinanderhalten! Keine Kleinigkeit. All die anderen Klassen, werweißwoher.
Mein Mann könnte mit, der passt mit auf, schlägt Lotte von der Grün vor. Sie hat die Klasse unter uns. Mein Mann wechselt die Schicht, dann ist ein Erwachsener mehr vor Ort!
Dass Max gerade seinen ersten Roman, Männer in zweifacher Nacht, geschrieben hat, mit dem zweiten schon zugange ist, weiß so gut wie keiner. Wir sowieso nicht, unsere Lehrer auch nicht, das weiß ich heute. Und Max, der Bergmann, auf demselben Pütt wie mein Vater, kommt tatsächlich mit, dafür hat seine Frau gesorgt. Keiner hat was dagegen, und ich glaube, es war nicht besonders schwer, ihn zu überzeugen, denn Max interessiert sich für alles Mögliche, was im Dorf so los ist und in der Gegend, in die es ihn aus Bayreuth verschlagen hat. Kurz nach dem Krieg auf der Suche nach Arbeit.
Augen und Ohren offen halten, ob er über dieses und jenes schreiben kann? Die Themen liegen ja vor der Haustür, auf der Straße. Die Dorfjugend fährt in den Schnee. Und das Sauerland, das Flüsschen Ruhr, dem die Industrieregion den Namen verdankt, gehören irgendwie dazu. Wenige Jahre später fährt er dann mit dem Mofa tatsächlich an der Ruhr entlang von der Quelle bis zur Mündung, von Winterberg nach Duisburg runter an den Rhein.
Wehe, ihr lauft herum im Zug!, bläuen uns die Lehrer bei der Abfahrt ein. Wir haben die Verantwortung! Verwunschen wirkt das Sauerland, wie eine andere Welt. Still ruht die weiße Pracht, durch die sich unser Zug schnaufend die Hänge hoch quält. Tief verschneite Dörfer, lausig kalt. Die ganze Fahrt stillsitzen auf der harten Bank im ungeheizten Abteil, wir sind ziemlich durchgefroren.
Endlich vor Ort am Rodelhang. Wo soll denn hier Winterberg sein, der sagenhafte Wintersportort, Perle des Sauerlandes? Ringsum nur Schnee, die Tannen weiß. Mit quietschenden Bremsen kommt der Zug zum Stehen. Alle Mann aussteigen, raus aus dem Zug! Die Lehrer, dazwischen Max von der Grün, der Bergmann, treiben uns an. Klassenweise aufstellen! Bisschen zackig! Wird’s bald!
Endlich kann es losgehen. Sieht ziemlich steil aus, der Hang, noch unberührt. Hier steht ein Schlitten. Da liegen Handschuhe und eine Mütze! Passt gefälligst auf eure Brocken auf! Da will Max nicht zurückstehen, sich nicht lumpen lassen. Bewegt euch! Los, voran, faule Bande, ich mach euch Beine!
Er poltert, wird laut. Zwei Jungen, die getrödelt, provoziert oder tatsächlich Widerworte gegeben haben. Was will der Olle von uns? Is doch kein Lehrer! Spielt sich hier auf! Unsanft stößt Max sie aus dem Zug, das vereiste Trittbrett runter auf den verschneiten Hang. Macht voran, verfluchte Bande! Ich mach euch Beine!
So war mein Vater nicht. Und Max’ Frau, die Lehrerin, hätte das nie auch nur annähernd so gemacht! Die ist als Lehrerin beliebt, weil sie nicht viel sagt, uns meist gewähren lässt. Von ihrem Mann halte ich mich besser fern. Wie der sich aufregt, schimpft und bollert!
Vielleicht hat Max bloß schlechte Laune. Wir kennen das von unseren Vätern. Müde, erschöpft von der Arbeit. Angespannt, weil er womöglich nicht recht vorankommt mit dem neuen Roman. Was wissen wir Kinder denn, was los ist mit Erwachsenen wie Max, mit unseren Vätern, von denen die meisten untertage arbeiteten wie er. Max hat Wechselschicht, die Siedlung ist eng, die Wände sind dünn. Dauernd Krach in der Siedlung, wenn er schlafen will. Die Schulkinder, mittags auf dem Nachhauseweg, lärmen unter dem Fenster.
Ein Zeitgefühl haben wir Kinder nicht wirklich, eine Uhr besitzt keiner. Kaum angekommen, sollen wir schon wieder einsteigen in den kalten klapprigen Waggon. Für das bisschen Rumjuckeln, drei, vier Mal mit dem Schlitten den Hang hinunter hat die lange Fahrt doch nicht gelohnt! Wie, schon Schluss, keine Schneeballschlacht mehr? Noch einmal runtersausen, bitte!
Vielleicht haben wir auf der Hinfahrt länger gebraucht als gedacht, denn nach ein paar Abfahrten und wenigen Stunden treibt man uns schon wieder zusammen. Es dämmert bereits, durchgefroren die meisten zur Genüge.
Alles einsteigen, zack, zack! Schon wieder treibt Max uns an, kennt das vom Pütt, von der Maloche untertage. Los, ich werd euch Beine machen! Schlitten fahren mit euch! Können die Lehrer mal sehn, wie das geht!
Laut bollern, poltern, das konnte Max. Aber nicht schlecht. Impulsiv, mitunter aufbrausend konnte er sein. Und etwas direkt und unverblümt zur Sprache bringen, das konnte er auch!