Max von der Grün

Der Name weckt unwillkürlich Erinnerungen an den „Dortmunder Dreiklang“: Kohle, Stahl und Bier. Bei näherer Betrachtung wird das Bild differenzierter. Der gebürtige Franke und bekennende Dortmunder war Schriftsteller und Autodidakt, in seinen Romanen und Erzählungen schildert er vor dem Hintergrund unterschiedlicher Plots die Lebenswelt der arbeitenden Menschen im Ruhrgebiet und ihr soziales Umfeld: Arbeitsbelastung, finanzielle Nöte, soziale Ausgrenzung. Immer wiederkehrend: die Veränderung der Arbeitswelt durch die „Automatisierung“, die durch ihren Beruf für die Arbeitswelt unbrauchbar gewordenen „Invaliden“, die Probleme der Arbeitsmigranten, die Bedrohung durch den Neofaschismus. Und, gar nicht so recht in den überschaubaren Themenkreis passend: „Vorstadtkrokodile“, ein Jugendbuch, in dem ein körperlich behinderter Jugendlicher die Hauptrolle spielt, bis heute in Schulen gelesen und zweimal verfilmt, zuletzt 2008, gut 30 Jahre nach seinem Erscheinen.

Doch das ist nur die eine Seite des Autors Max von der Grün. Es existiert ein umfangreiches journalistisches Werk, das heute beinahe vergessen ist: Analysen politischer und wirtschaftlicher Missstände, persönlich gehaltene Einmischungen gegen soziale Ungerechtigkeit. Hinzu kommt von der Grüns Auseinandersetzung mit der modernen Literatur: Rezensionen, Betrachtungen zur Literatur der Arbeitswelt, Reflexionen über das Schreiben und dessen Wahrnehmung.

Max von der Grüns Prosa hat in der öffentlichen Wahrnehmung Höhen und Tiefen erfahren, doch sie war stets „greifbar“: Die Bücher befanden sich über viele Jahre im Sortiment der Verlage, auch die Bibliotheken haben von der Grüns Werke in ihre Bestände aufgenommen, 2009 bis 2011 erschienen die Romane erneut, dieses Mal als zehnbändige Werkausgabe im Pendragon-Verlag. Die journalistischen Arbeiten erschienen in Zeitungen und Zeitschriften, und damit waren sie kurze Zeit später wieder von der Bildfläche verschwunden, Tagesgeschäft, für die meisten des Aufbewahrens nicht wert. Doch das Dortmunder Fritz-Hüser-Institut für Literatur und Kultur der Arbeitswelt hat diese Dokumente archiviert. Der dort verwahrte Nachlass Max von der Grüns, der erschlossen wurde und für die Benutzung zugänglich ist, bietet eine Fülle von journalistischen und essayistischen Texten aus der Feder des Autors.

„Nichts als gegeben hinnehmen“, war seine Antwort auf die FAZ-Frage nach seinem Motto. Zu seinen Lieblingslyrikern erkor er Heinrich Heine und Bert Brecht; Stefan Zweig, Maxim Gorki und Honoré de Balzac waren seine Lieblingsschriftsteller.

Un­ge­duld war eine seiner schlimmsten Eigen­schaf­ten. Das Politmagazin Der Spiegel bezeichnete ihn einmal als „Revier-Goethe“. Rainer Werner Fassbinder ließ sich durch seine Erzählungen zu der Serie „Acht Stunden sind kein Tag“ inspirieren. Wolfgang Petersen ver­­filmte in jungen Jahren – lange vor Hollywood – seinen Roman „Stel­len­wei­se Glatteis“ mit Günther Lamprecht in der Hauptrolle (1975). Horst Frank (1929-1999) spielte den Lothar Stein­gruber in der Verfilmung von „Flä­chenbrand“ (1979) – insgesamt wurden elf Fernsehspiele nach seinen Texten erstellt (womit er zu den am häufigsten verfilmten deutschen Auto­ren zählt); dennoch ist er innerhalb der Litera­turkritik und -wis­sen­schaft sel­ten angemessen rezipiert und akzeptiert worden: Max von der Grün, postu­lierter Ar­bei­ter­schriftsteller – der mit diesem Begriff nie etwas an­fan­gen konnte –, ein Verfasser kurz­wei­li­ger Bücher, Chroniken seiner Welt im Ruhr­­gebiet, ohne allzu­ ho­hen lite­­rarischen An­spruch, in denen dem „klei­nen Mann“ gründ­lich „aufs Maul“ geschaut wurde – Ver­gleiche mit Hans Falladas Romanen drängen sich förmlich auf.

„Das Klischee des Arbeiterdichters“, schrieb die Neue Westfälische Zeitung 2002, verfolgt ihn bis heute. Dabei kann Max von der Grün viel mehr, als über Kohlebergbau und das Leben unter Tage zu schreiben.

Von der Grün selbst hielt das Etikett „Arbeiterschriftsteller“ in seiner unnach­ahm­li­chen Art für „Quatsch mit So­ße“.

„Ich sehe immer nur Menschen“, schrieb er am 24. August 1974 an den Li­te­raturhistoriker Franz Scho­nauer, und wenn die Menschen, die er be­schreibe, nun einmal zufällig Arbeiter seien, so läge dies daran, dass er am meisten mit Arbeitern gelebt habe.

„Menschen muss man gefühlt haben, wenn man über sie schreiben will“, so Stephan Reinhard, der 1978 mit seinem „Materialienbuch“ über Max von der Grün (Neuauflage 1986) eine erste wis­sen­schaft­liche Be­schäf­tigung mit dem Autor auslöste. Er war ein unbequemer Schriftsteller, ein po­­li­tischer dazu, dem sein ge­sell­schafts­po­litisches Engagement den Ruch des Nest­be­schmut­zers und des Schwarz­ma­lers einbrachte, der Heuchelei und Bigotterie verabscheute, der richtig „muf­fig“ sein konnte und sich als Chronist der sozialen Entwicklung Deutschlands aus der Perspektive der Arbeiterschaft verstand. Damit hat er „eine neue ge­sell­schaftliche Dimension in die Literatur hineingetragen“. Unan­ge­passt blieb er zeit seines Lebens ein Einzel­gän­ger, der oft genug (zu) un­ver­blümt seine Mei­nung kundtat.

Wolfgang Delseit/Volker Zaib