Einfach mal den Spieß umdrehen

Max von der Grüns Erzählung Späte Liebe ist ein humorvolles Volksstück über das Thema Altersdiskriminierung.

In der Chronologie der Veröffentlichungen Max von der Grüns folgt auf den Jugendbuchklassiker Vorstadtkrokodile. Eine Geschichte vom Aufpassen (1976) die Erzählung Späte Liebe (1982) Ein Buch für die jüngere Generation und gleich darauf eins für ältere Semester, passt das zusammen? Einen Hinweis auf verbindende Elemente gibt von der Grün in einem Interview:

„Wir leben in einer Gesellschaft, die einen verhängnisvollen Hang zur Gettobildung hat, zur Gettoisierung, wie eine amerikanische Soziologin einmal formulierte: Alte Menschen für sich … Behinderte für sich … Gastarbeiter für sich … Studenten für sich … Kranke für sich. Und diejenigen, die Leistung bringen, auch für sich. Natürlich auch Kinder für sich. Wenn es möglich wäre, würde man Wohngebiete nach jeweiligen Berufen sortieren, nach sozialen Schichten. Aber das gibt es ja schon: Beamtensilos, Arbeitersilos, Geldadelareale.“

Cover der 1. Auflage von Späte Liebe im Luchterhand-Verlag © Luchterhand

Aber deshalb Tristesse? Keine Spur davon. Man hat vom ersten Satz an das Gefühl, dass Max von der Grün großen Spaß daran hatte, diese Geschichte zu schreiben. Denn die Alten, wie er sie auftreten lässt, sind nicht von gestern.

Sie haben sich etwas ganz Besonderes bewahrt: Ihren Humor. Sie bringen eben jenen Mutterwitz mit, der besonders Menschen aus dem Ruhrgebiet gern nachgesagt wird.


Gelungene Beispiele für eine solche unverblümte Direktheit bieten die Dialoge zwischen Margarete und Hildegard. So lässt Margarete ihre Freundin angesichts ihrer bevorstehenden Hochzeit mit Wolfgang Burger wissen: „Und noch was, Hildegard, als Trauzeuge ziehst du dein blaues Kostüm an, falls du noch reinpasst. Und häng es bitte acht Tage an die frische Luft, sonst ersticken wir am Gestank deiner Mottenkugeln …“ Hildegard lästert ihr gegenüber über ihren Bruder: „Mein Bruder hat morgen Geburtstag. Kommst mit? Wäre mir recht, dann bin ich nicht so allein … Weißt was, dem Geizkragen fressen wir alles weg. Meine liebe Schwägerin kriegt einen Herzanfall, wenn sie zusehen muss, wie wir beide alles reinhauen.

Ich esse alles, und wenn ich es hinterher wieder auskotzen muss, nur um das Weib zu ärgern.“ Und jetzt wieder Margarete: „Du bist jetzt still, Hildegard. Der Burger ist kein Liebhaber, der ist ein anständiger Mensch, damit du es weißt!“ Als Margarete von Wolfgang zur Hochzeitsreise nach Paris eingeladen wird, heißt es:  „Du verreist?“, rief Hildegard, sprang auf und sah auf die Gmeiner herab. „‚Du verreist?‘ ‚Setz dich wieder, Hildegard, und mach den Mund zu, sonst erkältest du dich. Ja, du hast richtig gehört. Ich verreise.‘“ Für Margarete ist Paris ein „Sündenpfuhl“. Bei Margaretes Rückkehr fragt sie nach: „Waren viele Franzosen in Paris?“ 


Wolfgang Burger quittiert solche verbalen Scharmützel mit verschmitztem Lächeln. Auf Hildegard gemünzt seufzt er: „Du meine Güte, … wenn die mal stirbt, muss man ihr Mundwerk extra begraben.“ Solche Stellen sorgen zweifellos für Unterhaltungsmomente und nehmen den ebenfalls angesprochenen ernsten Themen ihre Schwere. Der lockere Umgangston zeigt: Es herrscht eine raue, aber gutmütige Herzlichkeit. Sie geht mit Tugenden wie Offenheit, Ehrlichkeit und Gastfreundlichkeit einher. Von der Grün lag ganz offensichtlich daran, die Mentalität seiner unmittelbaren Dortmunder Umgebung in die Erzählung einfließen zu lassen.

Auf die ihm in einem Interview mit Gisela Koch gestellte Frage, warum er als Erfolgsschriftsteller noch immer in Dortmund-Lanstrop und nicht etwa in der Toskana wohne, betonte er die enge Verbindung zwischen seiner Lebenssituation und seinen literarischen Stoffen:

„Ich lebe hier und kriege alles hautnah mit … In vielen Kneipen läuft nur noch der Fernseher, oder es dudelt Musik. Aber die ‚Alte Post‘ hier in der Nähe ist noch eine Kneipe, in der die Leute reden – nicht nur über Borussia, sondern auch über ihre Sorgen … Das alles sind natürlich Entwicklungen, die mich beeinflussen. In dem Maße, in dem sich die Lebens- und Arbeitsverhältnisse ändern, ändert sich auch meine Literatur, ich finde andere Themen.“


Als 1982 die Buchform von Späte Liebe erschien, befand sich von der Grün auf einer fast beispiellosen Erfolgswelle. Er musste sich nichts mehr beweisen und konnte sich seine Stoffe frei auswählen. Diese hatten nun immer weniger mit dem einengenden Etikett ‚Arbeiterschriftsteller‘ zu tun. Sein misslungener Ausflug ins Metier „Polit-Theater“ – gemeint ist von der Grüns erstes, im Kollektiv erarbeitetes Theaterstück Notstand oder Das Straßentheater kommt (1968), das am Westfälischen Landestheater Castrop-Rauxel uraufgeführt worden war – hatte ihm zudem gezeigt, dass er gut daran tat, sich auf sein eigenes Gespür zu verlassen. In dieser Hinsicht inszenierte er Späte Liebe als stilles, fast kammerspielartiges Werk mit etlichen komödiantischen Anteilen. Der Erfolg gab ihm recht: Späte Liebe wurde ein Erfolgsbuch mit mehreren Auflagen. 

Die Erzählung ist, bei allen tragischen Momenten – hier wären Wolfgang Burgers Herzkrankheit und die anstehende Scheidung von Margarete Gmeiners Sohn Horst zu nennen – ein heiteres, volkstümliches Stück. Soziale Konflikte werden nicht ausgeblendet, ebenso wenig das Finanzielle. Die Hauptfiguren Margarete Gmeiner und Wolfgang Burger müssen mit ihren Renten gewissenhaft haushalten und legen sogar etliche ‚Spargroschen‘ zur Seite. Aber sie haben ihr Auskommen und sind mit ihrer Lebenssituation nicht unzufrieden. Für sie gilt das klassische Schuster-bleib-bei-deinen-Leisten-Prinzip. Als sie aus einer übermütigen Laune heraus ihre Hochzeitsreise nach Paris unternehmen, sind sie froh, bald wieder ins heimische Nest zurückzukehren. Noch in Paris bringt Margarete den Stoßseufzer hervor: „Stell dir mal vor, so wie wir hier jetzt leben, so leben andere Menschen ein Leben lang.“ Daraufhin Wolfgang: „Mein Gott, muss das schrecklich sein. Jeden Tag in Saus und Braus.“


Auch wenn der Satz fällt: „Die Gerechtigkeit ist einfach nicht gerecht verteilt“, möchten beide nicht mit anderen tauschen. Das Luxusleben von Margaretes Sohn Horst, der in eine steinreiche Kölner Bauunternehmer-Familie eingeheiratet hat, zeigt einmal mehr, wie Geld den Charakter verderben kann.

In dieser Hinsicht wahren Margarete und Wolfgang ihren Sozialstolz. Erst recht, nachdem Margaretes Schwiegertochter Edith, die als Studienrätin arbeitet, den „Zustand“ bei den „alten Leuten“ als unerträglich diffamiert. Margarete versetzt das in Rage: „Ich bin kein Zustand.“ 


Das mag alles in überzeichneter Schwarz-Weiß-Manier dargestellt sein, entspricht aber ganz Margaretes Denken. Auch sonst ist manches in der Erzählung ‚dick aufgetragen‘, lösen sich gravierende Auseinandersetzungen allzu schnell in Wohlgefallen auf –, aber das ist der Gesamtaussage nicht abträglich. Späte Liebe will kein ‚Problembuch‘ sein, sondern das erwähnte Thema der Altersdiskriminierung auf eine heitere, sympathische und positive Weise ‚durchspielen‘.

Von der Grün findet hierfür die richtige Sprache und beweist auch in der Szenenfolge ein sensibles Einfühlungsvermögen. In dieser Hinsicht ist Späte Liebe eine Alltagsgeschichte im besten Sinn. Es ist anrührend, wie Margarete und Wolfgang miteinander umgehen, wozu auch gehört, die Malaisen des Alters nicht zu übertünchen, sondern sie sich einzugestehen und gemeinsam zu bewältigen.


Liebevoll und mit verschmitzter Komik ist beschrieben, wie sich beide allmählich annähern, wie sich der „Kavalier“ in eine helle Flanellhose und beige Gabardinejacke zwängt und danach so aussieht, „als sei er eben einem Modegeschäft entstiegen“, wie Margarete und er schüchtern im Café nebeneinandersitzen und Margarete ihren Kuchen „etwas zu hastig“ isst, wie sie, noch immer emotional befangen, ihren Heimweg eher rennend als gehend zurücklegt, wie beide ihre zurückhaltende Scheu allmählich ablegen, zum „Du“ finden, sich auf eine „Kaffeefahrt“ mit anderen Senioren freuen.

In einem Punkt ist der ansonsten nachsichtige Wolfgang jedoch eisern: Er lehnt es ab, in ein Altersheim zu gehen: „Um Gottes willen, Frau Gmeiner, keine zehn Pferde bringen mich da hin. Solange ich noch kriechen kann, solange bleibe ich mein eigener Herr …“ 


Bleibt er wirklich sein „eigener Herr“? In der Ehe übernimmt Margarete gleich liebevoll und fürsorglich das Regiment. Der impulsivere Wolfgang lässt es gern geschehen. Er sieht manches lockerer, hat aber ebenfalls seine Prinzipien. Beide gerieren sich zu diesem Zeitpunkt schon ‚wie ein altes Ehepaar‘, wozu kleine Frotzeleien, Sticheleien und klamaukige Sprüche dazugehören. Die Unverblümtheit Margaretes und Wolfgangs bietet in dieser Hinsicht köstliche Situationskomik und Slapstick-Momente. Der Erzähler verzichtet bei alledem auf Gefühlsseligkeit und Sentiment.

Er biedert sich nicht an, wahrt Distanz, spricht von „der Gmeiner“ oder „vom Alten“. Er hält sich überhaupt mit wertenden, überheblichen Kommentaren zurück. Diejenigen, die über die Senioren lästern, stellen sich durch ihr Handeln selbst bloß. Man möchte nicht mit ihnen tauschen, sondern lieber mit Margarete und Wolfgang am Kaffeetisch sitzen und zuhören, wie beide liebevoll miteinander ‚herumkabbeln‘. Was Wolfgang aber nicht von der todernst gemeinten Frage abhält: „Sag mal, Richard, kann man sich mit siebzig eigentlich noch verlieben?“


Die Figur der Margarete ist im Film und im Buch eine Paraderolle. Neben ihr und Wolfgang Burger glänzt auch ihre Freundin Hildegard, die anfangs als „Nervensäge“ und „Spaßbremse“ auftritt. Der Leser/die Leserin schließt das Trio gleich ins Herz. Sie hätten sich sicherlich eine Fortsetzung der Erzählung gewünscht. Unbeantwortete Fragen stehen ja genug im Raum: Wie geht es mit Wolfgangs Herzproblemen weiter? Wird sich Horst aus den Fängen der Kölner Neureichen befreien?

Gelingt Susanne ein selbstständiges Leben außerhalb ihres Elternhauses, vielleicht sogar mithilfe ihrer Zufallsbekanntschaft Richard? Ob Max von der Grün an eine Fortsetzung von Späte Liebe dachte, entzieht sich unserer Kenntnis. Aus seinen autobiografischen Texten wissen wir, dass er unter einer enormen Arbeitsbelastung litt. Sie führte möglicherweise dazu, dass er – mit Ausnahme des mäßig erfolgreichen Texts Springflut (1990) – keinen weiteren Roman mehr verfasste und sich neben Reportagen auf das Metier ‚Kurzgeschichte‘ verlegte.


Dem Pendragon Verlag kann zur Neuausgabe von Späte Liebe nur gratuliert werden. Sie gibt Einblick in Leben und Werk eines Schriftstellers, dessen Texte man auch heute noch gern und mit Gewinn liest. Bedauerlich ist, dass die Verfilmung von Späte Liebe weder als DVD noch auf Streaming-Portalen greifbar ist, obwohl die Besetzung mit Ehmi Bessel (Margarete) und Karl-Maria Schley (Wolfgang) mit durchaus zugkräftigen Namen aufwartet und die Regisseurin Ilse Hofmann und von der Grün als Drehbuchautor 1979 mit dem Wilhelmine-Lübke-Preis der Deutschen Altershilfe ausgezeichnet wurden.

Die letzte Wiederholung in der ARD stammt aus dem Jahre 2002, liegt also über zwanzig Jahre zurück. Wie attraktiv das Thema ‚Seniorenliebe‘ ist, zeigt andererseits die in den 1980er-Jahren von dem Hagener Autor Herbert Reinecker verfasste Serie Jakob und Adele, die zu einer der erfolgreichsten Fernsehreihen des ZDF avancierte. Aus jüngerer Zeit wären die ARD-Folgen Anna und ihr Untermieter zu nennen. Sie hätten von der Grün sicher gefallen, weil sie die Wirklichkeit und gesellschaftliche Probleme nicht ausblenden und das Thema ‚späte Liebe‘ humorvoll und originell in den Blick nehmen.

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