Vater – Mutter – Kind. Familienkonstruktionen und die Rolle der Frau in Max von der Grüns Friedrich und Friederike

1. Das Jugendbuch Friedrich und Friederike: Grundsätzliche Einordnung

Max von der Grün ist vor allem für seine Arbeiterliteratur bekannt: Denkt man beispielsweise an den 1963 veröffentlichten Roman Irrlicht und Feuer, so wird klar, dass gerade die Arbeitswelt allgemein und Protagonisten, die in ihrem beruflichen Umfeld dargestellt werden, eine wichtige Rolle im Werk Max von der Grüns spielen. Die wenigen Romane, die sich anderen Themen widmen, sind zum einen Geschichten wie das zunächst als Drehbuch verfasste und 1977 verfilmte Werk Späte Liebe, das 1982 auch als Buch erschien und das eine Familien- bzw. Liebesgeschichte erzählt. Zum anderen finden sich zwei Jugendbücher: erstens das vor allem als Schullektüre bekannte Buch Vorstadtkrokodile aus dem Jahre 1976, zweitens aber auch eine Sammlung von Geschichten mit dem Titel Friedrich und Friederike (1983). Dieses Jugendbuch führt, verglichen mit den Vorstadtkrokodilen, heutzutage ein Schattendasein, was angesichts der zahlreichen Auflagen und trotz der Tatsache, dass auch hier eine mediale Verwertung in Form einer Serie vorliegt1, verwunderlich ist.

Wie lässt sich das Werk charakterisieren? Der Band besteht aus neun Kapiteln, in denen jeweils einzelne Episoden aus dem Lebensalltag der jugendlichen Protagonisten Friedrich und Friederike beschrieben werden. Hierzu zählen bspw. das Schlittschuhlaufen auf dem See2, das mit nassen Kleidungsstücken und dem Trocknen derselben im Schrebergartenhäuschen endet, der Besuch einer Faschingsparty3 und eine Fahrradtour, die kein gutes Ende nimmt4. Im Fokus der Erzählungen stehen die beiden Jugendlichen und ihre Eltern. Weitere Figuren sind zwar Teil der Geschichten, werden jedoch eher am Rande skizziert denn als handlungstragend herausgehoben.

Werbeplakat für die Erstausgabe von Friedrich und Friederike bei Luchterhand, 1983

2. Kernthema: Rollenbilder und Haltungen

Max von der Grüns Werke werden bislang vor allem im Kontext von Gesellschafts- und Klassenfragen sowie in Bezug auf die Arbeiterliteratur untersucht. Unter anderem wird aber auch der Status von Frauen erforscht. Die Rolle weiblicher Figuren stellt sich dabei als heterogen dar5. Da bei Friedrich und Friederike vor allem die Protagonistin Friederike sowie die Mütter der beiden als Frauen innerhalb des jeweiligen Familienkosmos’ auftreten, soll hier ein vergleichender Blick auf die beiden Familien mit Fokus auf die Frauenfiguren geworfen werden. 

Es finden sich zunächst einige Parallelen in struktureller Hinsicht: Sowohl Friedrich als auch Friederike sind Einzelkinder und etwa gleichen Alters, die Familien leben in ähnlichen Verhältnissen und die Strukturen ihres Lebens (Haus, Schrebergarten, kein Geld für Urlaub) unterscheiden sich im Wesentlichen kaum. Was jedoch bei näherem Blick auffallend ist: Vergleicht man den Umfang der Sprechsituationen der Elternteile und auch die Erwähnungen der jeweiligen Elternpaare innerhalb des ganzen Buchs, so ergeben sich deutliche Unterschiede: Vor allem die Eltern Friedrichs und insbesondere sein Vater sind wesentlich präsenter als die Eltern Friederikes. So beginnt schon die Szene zu Beginn der ersten Geschichte mit der Aussage, dass sein Vater „leidenschaftlicher Angler“ (FF, S. 7) sei. Direkt am Anfang des Werks werden also nicht Friedrich oder Friederike, sondern er, der Vater ins Zentrum gesetzt und mit seinen Fähigkeiten als Angler charakterisiert. Man erhält überdies genauere Angaben zu seinen beruflichen Verhältnissen – ein Kollege sei „angesteckt von der Hysterie der Hütte“, d.h. es drohen Entlassungen6. Außerdem inszeniert er sich – obwohl Friedrich derjenige war, der es geschafft hatte, im kalten Winter Forellen zu angeln – als erfolgreicher Angler, nachdem er die Fische, die Friedrich versteckt hatte, an sich nimmt (vgl. FF, S. 22f.). Auch an anderen Stellen erfährt man vom Zeitvertreib des Vaters: er sitzt immer wieder in der Kneipe, bis ihn Frau oder Sohn zum Essen nach Hause holen (vgl. FF, S. 31), weitere Freizeitbeschäftigungen sind Fernsehen (vgl. FF, S. 50) und Zeitungslesen (vgl. FF, S. 72). Auch wird in der Erzählung „Die Nachtwache“, in welcher Friedrich und Friederike einem Dieb auf die Spur kommen, gleich in den ersten Absätzen erläutert, dass im Schrebergarten der Familie Kaninchen gehalten werden, deren Fleisch Friedrichs Vater dann verkauft (vgl. FF, S. 48-50). Friedrichs Vater hat in vielen Situationen umfangreichere Gesprächsanteile und wird detailliert in Bezug auf Tätigkeiten im beruflichen und außerberuflichen Kontext charakterisiert.

Die Rolle von Friedrichs Mutter hingegen wird eindeutig anders dargestellt: So wird bei genauem Blick klar, dass sie vor allem im Gespräch mit Mann oder Sohn und im Kontext häuslicher Tätigkeiten auftritt, aber an ihr wenig eigene, figurenspezifische Charakteristika erkennbar sind: Auf Zuspätkommen reagiert sie ungehalten und erklärt, sie „stehe bis halb sieben im Konsum an der Kasse, komme nach Hause, richte das Essen“ (FF, S. 20) und widerspricht ihrem Mann, als dieser Friedrich noch etwas auftragen möchte, weil das Essen ja jetzt fertig sei. In der Diskussion mit ihrem Mann wird deutlich, dass sie der Ansicht ist, ihm drohe trotz der schwierigen wirtschaftlichen Zeiten keine Kündigung (vgl. FF, S. 20), was sich nicht mit seiner Einschätzung deckt. Auch sonst wird gerade beim Essen Spannung deutlich, z.B. wenn Friedrichs Mutter zunächst glaubt, ihr Mann wolle sie mit der Frage, ob das Essen bereits fertig sei, dazu drängen, die Mahlzeit schneller zuzubereiten. Als er die Forellen herbeiträgt, löst sich diese Spannung und seine Frau fängt sogleich „ohne Umstände“ (FF, S. 22) damit an, diese für das Essen herzurichten. Auch in anderen Geschichten wird sie immer wieder mit Vorbereitungen von Mahlzeiten in Verbindung gebracht (FF, S. 31)7. Ansonsten finden sich zu ihr vor allem Hinweise auf erzieherische Belange – sie kritisiert zu lautes Musikhören (vgl. FF, S. 51), verlangt, dass Friedrich beim Verlassen des Hauses Bescheid sagt, erwartet Hilfe im Haushalt (vgl. FF, S. 56) und Pünktlichkeit (vgl. FF, S. 72) und sie weist sogar auch ihren Mann auf soziale Grundregeln hin (vgl. FF, S. 122). Punktuell finden sich darüber hinaus – bedingt durch ihre berufliche Tätigkeit im Supermarkt, wie Friedrich erklärt – Hinweise auf im Arbeitsalltag stattfindende außerberufliche Kommunikation über Privates mit anderen Menschen in der Siedlung (vgl. FF, S. 59). Dies kann im Sinne von außerfamiliärem Kontakt gewertet werden und stellt so dar, dass sie zumindest nicht ausschließlich als Hausfrau, Mutter und Arbeitskraft in Erscheinung tritt.

Was beide Elternteile gemeinsam tun, sind neben Familientreffen (vgl. FF, S. 20f.) der gelegentliche Besuch von Abendveranstaltungen wie eine Gewerkschaftsfeier (vgl. FF, S. 118)8.

Vergleicht man nun die Rede-Anteile der beiden Elternteile Friedrichs, wird somit klar, dass es nicht nur Aspekte gibt, über die zu beiden Informationen vorliegen – berufliche Tätigkeiten und erzieherische Ansichten, wenige gemeinsame Veranstaltungsbesuche –, sondern dass es auch unterschiedliche Themenbereiche gibt, über die man etwas erfährt: Sein Vater hat mit Kaninchen und dem Angeln, Zeitunglesen und Fernsehen sowie den Besuchen in der Kneipe regelmäßige Freizeitbeschäftigungen. Seine Mutter hingegen ist sehr auf die Einhaltung häuslicher Routinen wie dem pünktlichen Beginn der von ihr aufgrund ihrer Doppelbelastung durch Beruf und Haushalt meist unter Zeitdruck zubereiteten Mahlzeiten fokussiert. Das wiederum kann auch der Grund für die mangelnde Beschreibung ihrer Freizeitbeschäftigungen sein – in diesem Familienmodell ist überwiegend die Frau für haushaltliche Tätigkeiten zuständig, ungeachtet dessen, dass sie berufstätig ist.

Neben dem Fehlen anderer Aktivitäten wird darüber hinaus ersichtlich, dass sie ebenfalls Werte vermittelt, diese jedoch verglichen mit Friedrichs Vater anderer Art sind: So zeigt sie mit ihrem sehr deutlichen Bedürfnis nach Pünktlichkeit beim gemeinsamen Essen nicht nur, dass ihr Pünktlichkeit und das Einhalten von Regeln wichtig sind, sondern auch, dass sie für ihre Arbeit wertgeschätzt werden möchte.

Wie sind die Familienverhältnisse bei Friederike? Versucht man eine ähnliche Analyse für die Eltern Friederikes durchzuführen, findet sich grundsätzlich auffallend wenig: Friederikes Mutter wundert sich über die von Friedrich stammende Kleidung Friederikes (nachdem sie ins Eis eingebrochen war und ihre eigene Kleidung nass geworden war) – Friederike berichtet hierzu später, sie habe den Eltern die Lüge erzählt, dass es sich um eine Wette gehandelt habe (vgl. FF, S. 21). Darüber hinaus reagiert sie darauf – wie auch Friedrichs Mutter – ungehalten, als sie morgens (nach einer heimlichen Übernachtung der Jugendlichen im Schrebergarten) das Bett ihrer Tochter verwaist vorfindet. Zunächst erklärt sie, wie erschrocken sie beim Anblick des leeren Bettes war, dann fordert auch sie das Einhalten von Regeln (vgl. FF, S. 56). Andernorts erfährt man, dass Friederike für ihre Mutter nach der Schule z.T. auch Besorgungen erledigt (vgl. FF, S. 117).

Ansonsten finden sich viele Aussagen zu den Eltern als Paar bzw. der Familie insgesamt: Sie wollen sich in der Stadt einen Faschingsumzug ansehen und Friederike soll mitkommen, sie sind aus Sicht der Kinder in Bezug auf erzieherische Dinge eher streng (vgl. FF, S. 25) und es gibt gemeinsame Unternehmungen mit Friederike (vgl. FF, S. 59). Ferner nehmen sie an der auch von Friedrichs Eltern besuchten Gewerkschaftsfeier teil (vgl. FF, S. 118). Zudem wird in beruflicher Hinsicht weniger berichtet: Ihr Vater ist mit einer Dachdeckerfirma selbständig, die ebenfalls unter der wirtschaftlichen Lage leidet und deren Mitarbeiter daher zeitweise weniger Lohn erhalten (vgl. FF, S. 48). In den Gesprächen über die berufliche Zukunft ihres jeweiligen Kindes wird mit der Aussage, dass Friederike für ihren bevorzugten Beruf als Kosmetikerin schon eine Lehrstelle bei der Arbeitsstätte ihrer Tante gefunden habe, kaum klar, inwieweit die elterliche Meinung hier überhaupt eine Rolle gespielt hat (vgl. FF, S. 85).

Hieran lässt sich also erkennen, dass kaum genauere Charakterisierungen ihrer Elternteile vorgenommen werden, wobei anzumerken ist, dass Friederikes Mutter – im Gegensatz zu ihrem Vater – überhaupt Rede-Anteile erhält und zumindest mittelbar auch an der beruflichen Entwicklung ihrer Tochter mitgewirkt haben wird, da Friederike ja gerade bei der Firma eine Ausbildungsstelle erhalten wird, in der ihre Tante – wie betont wird, „eine[r] Schwester ihrer Mutter“ (FF, S. 81) – arbeitet.

Insgesamt lässt sich also zu den Familiendarstellungen sagen, dass die Eltern Friedrichs weit mehr im Fokus stehen als die Friederikes, welche eher grob charakterisiert werden. Mit Blick auf die Elternpaare wird allerdings jeweils ein zweiter Unterschied ersichtlich: Friedrichs Eltern stecken sehr deutlich in klassischen Rollenmustern – der arbeitende Vater, der neben seiner Arbeit auch Freizeitbeschäftigungen ausübt und die Mutter, die Beruf und Haushalt vereinbaren muss –, wohingegen Friederikes Vater selbstständig ist, man über eine Berufstätigkeit ihrer Mutter jedoch nichts erfährt. Allerdings ist Friederikes Mutter im Verhältnis zu ihrem Vater doch zumindest etwas präsenter als er. Somit wird bei Friedrich mehr Kontakt innerhalb der Familie dargestellt, über die Familie von Friederike ist hingegen weniger zu erfahren. Dafür steht jedoch ihre Mutter geringfügig mehr im Fokus der Erzählungen als ihr Vater.

3. Kleidung und Berufliches – Eine Perspektivierung mit Bourdieu

In einem zweiten Schritt soll nun mit Pierre Bourdieus Theorien rund um die „Verschränkung“9 von Klasse und Geschlecht ein Blick auf die beiden Jugendlichen geworfen werden. Anhand zweier Aspekte, die für Bourdieus Ansatz zentral sind (Kleidung und Körperlichkeit sowie Beruf und Haushalt), soll im Folgenden untersucht werden, wie sich diese in den Erzählungen wiederfinden10.

Zunächst zum Thema Kleidung. Bei Friedrich und Friederike ist die Rolle der Kleidung in mehrerlei Hinsicht deutlich hervortretend: So ist schon in der ersten Erzählung die Kleidung eines der handlungstragenden Elemente, da Friederike sich nach ihrem Einbrechen ins Eis dringend aufwärmen muss und trockene Kleider benötigt. Die beiden Jugendlichen laufen zunächst ins Schrebergartenhäuschen, wo Friederike ihre Kleidung abstreift und sich mit einer Decke vor dem Heizstrahler aufwärmt. Schon hier kommt es somit zu einer ersten Inszenierung der Kleidung, die noch dadurch verstärkt wird, dass Friedrich aufgrund Friederikes kindlich anmutenden Unterwäsche stichelnde Bemerkungen macht (vgl. FF, S. 15). Friedrich bringt ihr darüber hinaus eigene, trockene Kleidung, was sie beim Nachhausekommen vor ihrer Mutter damit begründet, dass sie gewettet habe, dass ihr Friedrichs Kleidung passe.

Auch an anderen Stellen nimmt das Thema Kleidung eine wichtige Rolle ein. Insbesondere ist hier auf die Erzählung „Die schöne Unbekannte“ hinzuweisen, in welcher die beiden sich zu Fasching verkleiden: Friederike ist als „Haremsdame“ (FF, S. 25) kostümiert und nähert sich inkognito dem „Cowboy“ (FF, S. 25) Friedrich, um zu testen, ob er sie „hintergeht“11. Außerdem ist exemplarisch die Szene anzuführen, in der Friedrich Friederike unabsichtlich mit Farbe übergießt und sie ihn daraufhin an sich drückt, um seine Kleidung auch mit Farbe zu bedecken. Friedrich und Friederike tauschen dann (abermals im Schrebergartenhäuschen) ihre verschmutzte Kleidung gegen die Kleidung, die seine Eltern bei der Gartenarbeit tragen, aus (vgl. FF, S. 68-70). Hervorzuheben ist darüber hinaus ein Moment, in dem die beiden sich näher kommen, Friederike aber deutlich macht, wo die Grenzen der Annäherung liegen, ihn von sich stößt und ihre Kleidung zurecht rückt (vgl. FF, S. 100). Ferner finden sich kleinere Auffälligkeiten, z.B. ist hier der Aspekt zu benennen, dass Friederike den Wunsch hat, Kosmetikerin zu werden (vgl. FF, S. 85), was auf das Interesse an Äußerlichkeiten und Schönheit hindeutet, und bei der von den beiden verursachten Straßensperrung eine kurze Debatte um das Tragen von Nachthemden außerhalb des Hauses stattfindet (vgl. FF, S. 121).

Blickt man nun mit Bourdieu auf diese Passagen, so finden sich hier vor allem zwei zentrale Dinge wieder: Erstens folgt Friederikes Kleiderwahl und ihr Verhalten impliziten Regeln – so trägt sie noch die kindliche Unterwäsche, so zeigt sie klar auf, bis zu welchem Grad Annäherungsversuche akzeptabel sind und verteidigt sich, wenn die Grenzen überschritten zu werden drohen. Zweitens zeigt sich, dass sich gerade bei der Erzählung mit den Faschingsverkleidungen bei Friedrich – mit Bourdieu gesprochen –  Status bzw. „soziale[ ] Zeichen“ finden, wenn er sich als Cowboy verkleidet, d.h. den Status abbildet, quasi eine „Uniform“ trägt. Dem diametral entgegenstehend sind die Verkleidung Friederikes und auch ihre Verhaltensweisen: Sie zeigen das, was Bourdieu als „Sprache der Verführung“ beschreibt.12 Beide verkleiden sich, d.h. inszenieren sich bewusst als etwas, schlüpfen in eine Rolle, probieren andere Verhaltensweisen aus und testen auch das Gegenüber – vor allem im Fall Friederikes, die sich letztlich sogar quasi „doppelt“ verkleidet – erstens als Haremsdame und zweitens, dadurch verdeckt, als vermeintlich andere Jugendliche namens Anita, als die sie sich ausgibt.

Im Hinblick auf das Thema Arbeit bzw. Haushalt und Beruf lassen sich einige weitere Aspekte konstatieren: Blickt man zunächst auf die beruflichen Pläne der Jugendlichen, wird klar deutlich, dass die Berufswünsche der beiden zunächst auseinandergehen: Friederike hat sich bereits entschieden, Kosmetikerin werden zu wollen und hat dafür sogar schon die passende Ausbildungsstelle in der Firma ihrer Tante in Sicht (vgl. FF, S. 85). Mit Bourdieu könnte man hier von einer „Konstanz der Habitus“13 bzw. einer „Konstanz der Struktur der geschlechtlichen Arbeitsteilung“14 sprechen: Es wird für „normal“ gehalten, was man kennt, d.h. sie macht, was ihr aus dem familiären Umfeld bekannt ist. Friedrich hingegen hat noch nicht so viel Klarheit darüber gewonnen, was seine berufliche Zukunft anbelangt. Er hat verschiedene Berufe im handwerklichen Bereich im Sinn, bis ihm dann der Gedanke daran kommt, Kranfahrer werden zu wollen, was er auch bei der angrenzenden Baustelle spontan ausprobieren darf (vgl. FF, S. 88). Interessant ist an dieser Stelle, dass dann plötzlich Friederike den Wunsch äußert, „auch mal Kran [zu] fahren“ (FF, S. 90), was Friedrich von sich weist (vgl. FF, S. 90) – inwieweit Friederikes Aussage als tatsächliche berufliche Idee gewertet werden könnte, sei dahingestellt, es zeigt aber zumindest erst einmal grundsätzliches Interesse. Eine derartige Haltung in Bezug auf „Frauen- und Männerberufe“ zeigt sich zudem noch deutlicher im Gespräch auf der Faschingsfeier, auf der die beiden über ihre beruflichen Pläne sprechen: Friederike (bzw. „Anita“, wie sie vorgibt) überlegt, „Kaminkehrer“ (FF, S. 28) zu werden, was Friedrich mit der Aussage, es handele sich dabei um einen „reine[n] Männerberuf“ (FF, S. 28)15 kommentiert. Sie fragt Friedrich salopp, was seine Freundin denn werden wolle und schlägt ironisch den Beruf der „Fernfahrerin“ vor (FF, S. 28). Friederikes Haltung in Bezug auf die berufliche Entwicklung gerade auch von Frauen wird also deutlich sichtbar.

In diesem Kontext soll nun noch ein Blick auf eine weitere Textstelle geworfen werden, in welcher die beiden Jugendlichen mit dem Fahrrad unterwegs sind und Friederike einen Platten hat. Friederike zeigt Friedrich das Malheur und dieser kümmert sich sogleich um die Reparatur des Reifens. Währenddessen hört Friederike Geräusche aus dem nahe gelegenen Wald und macht dort Holzarbeiter ausfindig, die mit Baumfällarbeiten beschäftigt sind. Markant ist an dieser Stelle zunächst, dass sie „[a]m liebsten [selbst] […] eine Säge geführt“ (FF, S. 76) hätte. Während sie diese Beobachtungen macht, ist Friedrich mittlerweile mit der Reparatur des Reifens fertig und wartet auf Friederike, bis er ihr Rad frustriert an ein kleines Bäumchen kettet, den Schlüssel des Fahrradschlosses an sich nimmt und davonfährt.

Cover, Pierre Bourdieu: Die männliche Herrschaft, Suhrkamp, 2014 [1998]

Als Friederike zurückkommt, findet sie ihr Rad so vor und überlegt, wie sie sich selbst helfen kann. Schlussendlich ist ihre Lösung, bei einem nahegelegenen Bauernhof eine kleine Handsäge zu entwenden, um mit dieser das Bäumchen umzusägen und so die Kette davon zu lösen (vgl. FF, S. 79). Noch während sie sägt, fällt ihr zwar auf, dass sie auch die Arbeiter im Wald um Hilfe hätte bitten können – diese wären mit ihren Motorsägen ja sicher schneller gewesen –, aber auch so klappt es. Was hieran bedeutsam ist: Zwar lässt sie Friedrich die Reparatur des Fahrrads übernehmen, jedoch schafft sie es in ihrer Notsituation, als er sie alleine lässt, nicht nur grundsätzlich, sich irgendwie selbst zu helfen, sondern hantiert auch noch selbst mit einer Säge herum. Bourdieu greift unter anderem auch das Konzept der learned helplessness auf, also der „erlernten Hilflosigkeit“, das man hier anlegen könnte16.

Im Hinblick auf haushaltliche Tätigkeiten erweist sich die Sachlage allerdings als diffuser: Zwar helfen beide Jugendlichen den Eltern, v.a. den Müttern gerade auch im Haushalt, wie die bereits besprochenen Textstellen zeigen17. Allerdings wird in manchen Passagen auch deutlich, dass beide auf unterschiedlichen Ebenen kommunizieren, wie die im Folgenden angeführte Passage zeigt: Nachdem beide eine Nacht lang im Schrebergarten Wache gehalten haben, um einen Dieb zu fassen, streiten sie sich morgens darum, wer die Brötchen fürs Frühstück besorgt. Friedrich will ganz selbstverständlich Friederike schicken, was sie ablehnt und damit begründet, dass dies „immer […] [ihr] Vater“ mache, wohingegen er entgegnet, nicht ihr Vater zu sein. Die Antwort Friederikes hierauf lautet, dass sie „nicht mit […] [ihm] verheiratet“ (FF, S. 55) sei.

Hieran wird deutlich, dass zwei Ebenen, zwei Beziehungsmuster gegeneinander gestellt werden: Einerseits die Eltern-Kind-Beziehung, die von Friederike angesprochen wird, andererseits die Partnerbeziehung, die infolgedessen diskutiert wird; dass Friedrich Friederike als Frau zunächst für zuständig hält und dann die „Vaterrolle“, die Friederike ihm implizit zuschreibt, ablehnt. Während im Eltern-Kind-Verhältnis die Eltern für die Versorgung zuständig sind und Friederike sich noch in der Kind-Rolle verortet, Friedrich aber die Erwachsenenrolle zuschreibt, ist die Sichtweise Friedrichs mehr auf einer (mehr oder minder) erwachsenen Ebene zu verorten, wo – wie es in der Familie Friedrichs besonders deutlich wird, weil seine Mutter sich vor allem um die Ernährung der Familie kümmert – eben die Frau für Zubereitung der Mahlzeiten zuständig ist.

Dies wird noch plausibler, wenn man Friedrichs zahlreiche Annäherungsversuche und die oben dargestellten Aussagen, die er im Verlauf der Erzählungen macht, mit berücksichtigt. Außerdem wird diese Deutung davon gestützt, dass Friederike im Folgenden auch Kaffee zubereitet, während er sich nicht an der Vorbereitung des Frühstücks beteiligt (zumindest wird im Text dazu nichts erwähnt). Einzuwenden wäre natürlich, dass Friederike ja auf ihren Vater verweist, der in ihrer Familie für die Beschaffung der Backwaren zuständig sei. Hierin könnte man vielleicht ein Indiz für eine andere Art familiärer Aufgabenteilung sehen, die möglicherweise auch in gesellschaftlich anderen Verhältnissen wurzeln könnte. Klar ist in jedem Fall: Hier werden also die Kategorien von klassisch weiblicher Rolle und Erwachsenen-Kind-Versorgerverhältnis und verschiedene Modelle von Arbeitsteilung gegeneinander ausgespielt.

Direkt im Anschluss ist in Anlehnung daran in der Situation, in der es um das Bettenmachen geht, eine weitere Besonderheit auffällig: Friedrich hat sein Bett unberührt und ordentlich gelassen, Friederike ihres bewusst unordentlich gemacht, damit niemand denkt, sie habe nicht in ihrem Bett geschlafen. Beide bekommen Rügen von ihren Müttern – Friedrich, weil er es angeblich nicht gut, Friederike, weil sie es überhaupt nicht gemacht habe. Insbesondere bei Friedrich wird deutlich, dass er diese Tätigkeit auch nicht ausüben soll, denn, wie seine Mutter bemerkt, habe er „zwei linke Daumen“ (FF, S. 56).

Insgesamt zeigt sich also hinsichtlich Aussagen zu beruflichen und haushaltlichen Aspekten, dass Friedrich zwar der Ansicht ist, dass es „Männerberufe“ und „Frauenberufe“ gibt und sich auch sofort handwerklich betätigt, anstatt Friederike Eigenständigkeit abzuverlangen. Friederike jedoch ist erstens zumindest interessiert an sogenannten „Männerberufen“, was sich bei ihrem Beobachten der Waldarbeiter wie auch an ihrem Interesse am Kranführen zeigt. Zweitens ist – mit Blick auf die Diskussionen, die sie (z.T. auch als „Anita“ bzw. „Haremsdame“ verkleidet) mit Friedrich führt – deutlich zu sehen, dass sie diese Differenzierung ablehnt. Und drittens – wie am Absägen des Bäumchens erkennbar ist – scheut sie sich auch nicht davor, tatsächlich aktiv Tätigkeiten durchzuführen, die – wie in der betreffenden Szene ja auch explizit dargestellt wird – vor allem Männer ausüben. 

In Bezug auf haushaltliche Belange ist die Verortung weniger klar, es zeigt sich eine leichte Tendenz zu unterschiedlichen Haltungen in Bezug auf Haushaltstätigkeiten, die aber auch auf die innerhalb der Familien jeweils gelebten Strukturen zurückführbar sein könnte.

 

4. Fazit: Ein gemischtes Bild

Was lässt sich abschließend nun also sagen? Zunächst wurde festgestellt, dass die Elternpaare in deutlich unterschiedlichem Umfang in den Geschichten präsent sind. Vor allem bei Friedrichs Eltern wird aber damit auch die klassische Rollenverteilung der Eheleute sichtbar.

Mit Blick auf Friedrich und Friederike treten andere Dinge zutage: Einerseits gibt es auch hier klassische Rollenmuster innerhalb der Familien- und Freundesbeziehungen der Protagonisten, andererseits weist Friederike zumindest punktuell emanzipatorische Ansätze auf.

Kleidung und berufliche Entwicklung stellen hierbei zwei wichtige, handlungstragende Elemente dar, die – auch mit Blick auf Bourdieu – zeigen, welche Muster sich hier abbilden, z.T. aber auch differieren. Für eine genauere Auseinandersetzung mit der genauen gesellschaftlichen Schicht, in der sich die beiden Familien befinden, fehlen jedoch im Wesentlichen Hinweise. Man könnte mit Blick auf die Selbstständigkeit des Vaters von Friederike und einiger sprachlicher Marker aber potentiell annehmen, dass Friederikes Familie eher dem Kleinbürgertum und weniger der Arbeiterklasse zuzuordnen ist als Friedrich und seine Eltern, die eindeutiger in diesem Milieu zu verorten sind.


  1. Die Serie ist bei YouTube abrufbar: https://www.youtube.com/@friedrichundfriederike9105, zuletzt abgerufen am 14.07.2026.
    Auch die Forschung beschränkt sich bislang – bis auf einige Erwähnungen des Werks in Arbeiten zu anderen Texten Max von der Grüns – auf den Aufsatz Bonjour Tristesse. Max von der Grüns vergessenes Jugendbuch „Friedrich und Friederike“. Ein persönlicher Versuch, den Sebastian Susteck im 2023 erschienenen Sammelband Gegen Mauern anschreiben. Max von der Grün als Kinder- und Jugendbuchautor (hrsg. v. Barbian, Jan Pieter und Schütz, Erhard), Bielefeld 2023, S. 107-128. ↩︎
  2. Vgl. von der Grün, Max, Friedrich und Friederike. Geschichten, Darmstadt 1983, S. 7-23 (Erzählung „Das Bad“). ↩︎
  3. Vgl. ebd., S. 24-35 („Die schöne Unbekannte“). ↩︎
  4. Vgl. ebd., S. 71-80 („Die Reifenpanne“). Im Folgenden werden die einzelnen Seitenangaben im Fließtext mit „FF, S. XX“ angeführt, weitergehende Hinweise in den Fußnoten. ↩︎
  5. Vgl. Scholz, Rüdiger, Max von der Grün. Politischer Schriftsteller und Humanist, Würzburg 2015, S. 227-232. ↩︎
  6. Ebd., S. 20. Inwieweit er die „Hysterie“ tatsächlich im Sinne einer seiner Ansicht nach übertriebenen Angst vor Entlassungen meint, ist fraglich – an anderen Stellen finden sich Angaben aus der Erzählerperspektive, dass er zeitweise „wieder Kurzarbeit“ befürchtet (ebd., S. 48) und es wird betont, dass „oft gerade die, die wie Friedrichs Vater im Stahlwerk arbeiteten“ (ebd., S. 116), von Arbeitslosigkeit bedroht waren. ↩︎
  7. Auch lädt sie bspw. Friederike zum Essen ein, vgl. ebd., S. 80f. ↩︎
  8. Daran nehmen auch Friederikes Eltern teil, es handelt sich also mutmaßlich nicht nur um eine für Gewerkschaftsmitglieder vorgesehene Veranstaltung, da Friederikes Vater ja als Selbstständiger kein Gewerkschaftsmitglied ist (vgl. ebd., S. 48). ↩︎
  9. Bourdieu, Pierre, Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft, Frankfurt a.M. 282021, S. 184. ↩︎
  10. Zur Einordnung: Die Geschlechterthematik findet sich laut Forschung z.T. mehr, z.T. weniger stark im Werk Bourdieus. Für einen Überblick vgl. u.a. Adkins, Lisa, Introduction: Feminism, Bourdieu and after, in: Adkins, Lisa und Skeggs, Beverly, Feminism after Bourdieu, Oxford 2004, S. 3-18; vgl. Pasero, Ursula, Frauen und Männer im Fadenkreuz von Habitus und funktionaler Differenzierung, in: Bourdieu und Luhmann. Ein Theorienvergleich, hrsg. v. Armin Nassehi und Gerd Nollmann, Frankfurt am Main 2004, S. 191-207; vgl. Müller, Hans-Peter, Bourdieu. Eine systematische Einführung, Frankfurt am Main 2014 (insb. S. 307); vgl. Skeggs, Beverly, Context and Background: Pierre Bourdieu‘s analysis of class, gender and sexuality, in: Adkins et al. 2004, S. 19-38; vgl. Fowler, Bridget, Soziale Ungleichheiten. Pierre Bourdieus Die männliche Herrschaft lesen: Anmerkungen zu einer intersektionalen Analyse von Geschlecht, Kultur und Klasse, in: Adkins et al. 2004, S. 141-175.
    Speziell die Schrift Die männliche Herrschaft, die er 1998 veröffentlicht (hier wird mit der deutschen Übersetzung von 2005 gearbeitet), wird in diesem Kontext unterschiedlich verortet. Es zeigt sich, dass insgesamt Uneinigkeit über Bourdieus Rolle in Bezug auf Geschlechterdiskurse besteht. In Die männliche Herrschaft greift er Kritikpunkte von feministischer Seite auf und zeigt überwiegend am Beispiel des Volks der Kabylei, wie Herrschaftsverhältnisse in Bezug auf Klassen- und Geschlechterfragen verbunden werden können. Dies wird teilweise hinsichtlich der Übertragbarkeit der Beobachtungen auf andere Kulturkreise und Zeiten kritisch betrachtet (vgl. Probyn, in: Adkins 2004, S. 16). Hier sollen dementsprechend eher die „groben Linien“ und allgemeinere Aspekte, aber nicht Details aufgegriffen und für den Vergleich genutzt werden. ↩︎
  11. Friedrich und Friederike verhalten sich z.T. wie ein Paar, was sich in Situationen wie diesen zeigt. Gleichwohl kann nicht von einer festen Beziehung gesprochen werden: Erkennbar ist vielmehr, dass die beiden sich in der Übergangsphase von der Kindheit zur Jugend befinden und die Grenze zwischen einer bloßen Freundschaft und einer tatsächlichen Liebesbeziehung verschwimmt. ↩︎
  12. Eine weiterführende Interpretation findet sich bei Bourdieu, Die männliche Herrschaft, Frankfurt am Main 2005, S. 61. ↩︎
  13. Bourdieu 2005, S. 165. ↩︎
  14. Ebd. ↩︎
  15. Ergänzend sei zudem darauf hingewiesen, dass sie, während sie als Haremsdame verkleidet ist und mit Friedrich über Berufe debattiert, eine Einschätzung dahingehend abgibt, dass er „auch einer von denen [sei], die die Frau an den Kochtopf stellen“ (vgl. ebd.). ↩︎
  16. Bourdieu 2005, S. 109. Mit „erlernter Hilflosigkeit“ wird in der Psychologie das Gefühl bezeichnet, das eigene Leben nicht verändern zu können. „Erlernt“ ist dies deswegen, weil das Gefühl in Folge erfahrener Hilflosigkeit in einschneidenden Lebenssituationen auftritt. ↩︎
  17. Vgl. bspw. auch FF, S. 22. ↩︎

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